Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 6 (6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 6 123 Befolgen Sie diese wenigen Gesundheitsübungen der Gymnastik, des Badens, der guten Luft und des Tiefatmens, so werden sich im allgemeinen anderweitige hygienische Maßnahmen erübrigen. Daß allzureichlicher Genuß von Fleisch oder gar Alkohol zu vermeiden ist, wird Ihnen bekannt sein, leider müssen wir uns an dieser Stelle ein Eingehen auf diese Punkte versagen. Vor allem aber wollen wir stets versuchen, unser seelisches Gleichgewicht in jeder Lebenslage zu wahren. Ebenso, wie Gleichmut durch Gymnastik hervorgerufen wird, wirkt andererseits eine ruhige Gemütsverfassung ganz hervorragend auf die allgemeinen Erfolge jeder Körperübung ein. Gerade der Wert dieser Diätetik der Seele wird heute, wie im täglichen Leben, so auch in der Gymnastik vernachlässigt. Und doch legte auf diese bereits im Altertum der erste Erfinder der Heilgymnastik, der römische Arzt Galen, das größte Gewicht. Sein System stellt eine Art von Seelengymnastik geradezu in den Mittelpunkt. Ueberhaupt ist Galens Methode, die bei der Massage eine hervorragende Rolle spielt, noch für uns lehrreich und interessant. Aber es wäre natürlich ein Unsinn, wollte heutzutage ein Laie nach einem System von anno 150 greifen. Stehen uns doch heute bereits eine ganze Reihe von guten, modernen Systemen zur Verfügung. Nicht möchte ich allerdings hierzu alle die Systeme rechnen, welche die Anschaffung von Apparaten — welcher Gestalt auch immer — verlangen. Alle Gummiapparate — an und für sich ganz brauchbar — sind, wofern sie auch nur eine Zeit hindurch gebrauchsfähig sein sollen, teuer und selbst dann bald stark geweitet. Ich kenne mehrere Fälle, wo sie bei der Uebung rissen und Unfälle verursachten. Ruder- und Velotrab-Apparate mögen zum Wiutertraining für Ruderer oder Radfahrer vorteilhaft sein, sie sind recht teuer und wir brauchen sie nicht, denn jedes wirklich gute System vermag uns reine Freiübungen zu bieten, die — energisch ausgeführt — mindestens den gleichen Erfolg haben, wie Exercitien an jenen kostspieligen Apparaten, die immer nur einseitig ausbilden. Von guten Systemen nenne ich vor allem die „Aerztliche Zimmergymnastik" von Dr. Schreber, das Griffhantelsystem des Ostpreußen Sandor und das weitverbreitetste und modernste: J. P. Müllers „Mein System". Der alte Schreber, dessen Verfasser bereits um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts geradezu erstaunliche praktische Erfahrung und Vorahnungen ganz moderner Gedanke zeigte, hat in den letzten Jahren gute Neuauflagen erhalten und ist namentlich älteren und kränklichen Personen, besonders auch schwächlichen Frauen, zu empfehlen. Sandors raffiniertes System, das namentlich in England und Amerika Anklang gefunden hat, zielt allzusehr auf die Ausbildung der Gliedmaßen-Muskulatur hin, ist allerdings zu diesem Zwecke hervorragend. Nur scheint mir die Reihenfolge und Zahl seiner Uebungen anfechtbar. Das Zweitälteste System ist unzweifelhaft das des berühmten dänischen Sportsmannes und Hygienikers J. P. Müller; seine Selbstmassage ist geradezu eine ebenso geniale wie Uberaus segensreiche Erfindung. Nur, wie es manches Mal so geht: ich sehe wohl in allen Badeanstalten die acht Miillerschen Freiübungen mehr oder — meistens — weniger gut durchgeführt, aber überaus selten sieht man die viel wichtigeren und auch von J. P. Müller viel höher eingeschätzten Frottierübungen ausgeübt. Das Müllersche System ist überaus kompliziert dadurch, daß dem Verfasser das Ideal vorschwebte, in einen Zeitraum von 15 Minuten eine Durcharbeitung des ganzen Körpers, dazu Wasserbad und Hautgymnastik hineinzupressen. Es gehört ein überaus genaues und sorgfältiges Studium der Müllerschen Schrift dazu, um aus dem „Müllern" den — freilich großen —