Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 6 (6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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122 No. 6 gesunden und starken Körper. Da bleibt uns denn im allgemeinen nur der eine Ausweg, der der Zimmergymnastik. Und daher wollen wir nunmehr noch kurz auf die Uebungen eingehen. Ihnen, meine werten Turngenossen, möchte ich hier einen einfachen Vorschlag machen. Gehen Sie täglich — am besten des Morgens — vor Ihrem Bade immer diejenigen Freiübungen durch, die am letzten Turnabend geübt wurden. So werden im Verlaufe kurzer Zeit Ihre sämtlichen Muskeln in Bewegung gesetzt, und Sie bedürfen nicht langwieriger Unterweisungen. Sobald Sie aber zum Erlernen eines besonderen Systemes Zeit und Lust haben, so stehen Ihnen heute genügend davon, die durchaus empfehlenswert sind, zur Verfügung, und wir werden uns alsbald noch ein wenig mit diesen beschäftigen. Vorher aber lassen Sie mich noch auf eines eingehen, was zu erwähnen wir noch nicht Gelegenheit hatten: auf Uebungen zur Ausbildung unserer Lunge. Es ist Ihnen bekannt, daß es kein besseres Schutzmittel gegen die gefürchtete Lungenschwindsucht gibt als einen recht weiten, sogenannten „kräftigen" Brustkasten. Und Sie wissen ferner, daß es gemeinhin die mehr oder minder starke Brust ist, die neben der Körpergröße die ganze äußere Erscheinung des Menschen beeinflußt. Wenn ich Ihnen weiter erzähle, daß die Weite des Lungenraumes und die dadurch bedingte Menge der Atmungsluft — neben dem kräftigen Herzen — in jedem Falle die Grenzen körperlicher Leistungsfähigkeit bedingt, so werden Sie mir wohl dankbar sein für ein ebenso einfaches, wie leichtes Mittel zur Kräftigung unserer Lungen. Sobald Sie ein paar Uebungen, gleich welcher Art, getan haben, werden Sie ein kaum näher zu beschreibendes, überaus angenehmes Wohlgefühl empfinden, das sich der Hauptsache nach wohl von dem nunmehr beschleunigten Blut- und Lymphkreislauf herleitet. Und nun stellen Sie sich nach Beendigung der Uebung an das geöffnete Fenster und atmen Sie einmal tief ein, indem Sie die Fersen heben und dann eben so vollständig aus mit Fersensenken. Wollen Sie den Wert dieses „Tiefatmens" noch erhöhen, so verbinden Sie tunlichst das Einatmen mit Seitwärtsheben, das Ausatmen mit Senken der Arme. Auch ist es zu empfehlen, die Arme während der ganzen Atemübung bisweilen auf dem Rücken zu verschränken. Und diese Uebungen wiederholen Sie mehrmals im ruhigen Rythmus. Zwei Vorsichtsmaßregeln: Vollständiges Ausatmen bis auf die letzte noch auszuatmende Luftmenge und zweitens: niemals Atemübungen ohne vorhergehende Gymnastikl Es muß ein durch Arbeit hervorgerufenes, natürliches Atmungsbedürfnis vorliegen! Lefkadio Hearen, der beste Kenner Japans, erzählt, daß die japanischen Bureauangestellten kontraktmäßig das Recht haben, alle zwei Stunden am geöffneten Fenster — die Fenster sind in Japan nie geschlossen — nach vorhergehender Gymnastik Tiefatmung zu betreiben. Sie glauben nicht, wie wohltätig dieses Atmen unter Beobachtung jener oben erwähnten Vorsichts,- maßregeln auf unseren Organismus wirkt. Bereits nach einigen Wochen werden Sie eine Kräftigung ihres Brustkastens wahrnehmen. Und Sie werden dann ganz von selbst darauf kommen, daß es einer so schön ausgebildeten Brust auch zukommt, frische, reine Luft zu atmen, und Sie werden sich ganz von selber daran gewöhnen, im Sommer bei offenem Fenster zu arbeiten, im Winter aber wenigstens ab und zu fiische Luft hereinzulassen. Ein durch Gymnastik und tägliches Wasserbad geübter Körper erkältet sich nicht so leicht, und ein paar Körperübungen werden das ihrige dazu tun, um selbst im kältesten Winter während der 'Lüftung die Körpertemperatur auf der gewöhnlichen Höhe zu erhalten. Es ist eine alte Erfahrungstatsache, daß häufiges, kurzes Lüften ein auch nur wenig geheiztes Zimmer keineswegs auskühlt, daß im Gegenteil die einströmende, immer verhältnismäßig trockene Luft schnell angewärmt wird.