Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 6 (6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 6 121 im Verein mit den Gewandtheitsübungen jene Muskulatur, die von dem Laien viel zu sehr Uberschätzt wird. Und dann, in dritter Linie, stehen neben den Qewandtheits- und Dauerübungen die sogenannten Kraftübungen, die, falsch betrieben, wie sie gewöhnlich werden, bereits ungeheuren Sehaden gestiftet haben. Ich darf hier wohl einige Beispiele anführen. Wenn ich auf einem Beine zu balancieren suche, so vollführe ich eine Gewandtheitsübung, während ich mir Ausdauer zu erwerben suche, wenn ich einige Minuten hindurch unablässig von einem Bein auf das andere hüpfe. Eine Kraftübung vollführe ich, wenn ich ein nicht zu leichtes Gewicht zu heben ,(ersuche, und wenn ich bei dieser Uebung mich anstrengen muß. Unter Anstrengung versteht man jenen Zustand, bei dem wir unseren Brustkasten voll Luft pumpen, um so den an diesen ansetzenden Muskeln einen festen Stützpunkt zu geben. Dieser Zustand, bei dem wir also die Atmung nach einem einmaligen, kräftigen Atemzuge unterbrechen, bedingt für unser Herz aus Gründen, denen wir hier nicht nachgehen wollen, jene gewaltige Arbeitsleistung, die es allzuoft nur vollführen kann, indem es sich gleichzeitig für längere oder kürzere Zeit, bisweilen sogar für dauernd, durch Erweiterung schädigt. Und darum sollen wir an derartige Uebungen uns erst heranwagen, sobald unser Körper durch Qewandtheits- und Dauerübungen einigermaßen sestählt ist. Vor allem möchte ich hier warnen vor dem Gebrauch der Hantel. Wir können jedesmal und in jede Uebung auch ohne Handgewichte die nötige Energiemenge legen, um aus ihr Nutzen zu ziehen. Und wenn wir durchaus glauben, Hanteln nicht entbehren zu können, so seien sie im Anfange unter keinen Umständen schwerer als 3—4 Pfund. Derartige Handgewichte sind älteren Leuten sogar mitunter zu empfehlen. Hanteln im sogenannten Mittel- und Schwergewicht haben bereits unendliches Unheil gestiftet. Man kann von einer Tragikomödie der Hantel reden. Sie alle wissen, daß es im griechischen Altertum eine Zeit gymnastischer Hochkultur gab, die wir aus Gründen, denen ich an dieser Stelle leider nicht nachgehen kann, nie wieder erreichen werden. Fast spurlos ging die Antike und mit ihr fast jede Erinnerung an jene Glanzzeit der Gymnastik zugrunde, bis man erst in der Zeit der Renaissance, ja, eigentlich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, durch die Auffindung jener wunderbaren Statuen griechischer Jünglinge an iene Zeiten erinnert wurde. Man nahm damals an, was heute längst widerlegt ist, hier Ideale, nicht Abbilder vor sich zu haben, aber man konnte sich schon damals der Einsicht nicht verschließen, daß immerhin ungemein muskelstarke Körper hier Vorbilder abgegeben haben. Und als man dann später in einem Stadion einen Gegenstand fand, der das Urbild unserer Hanteln werden sollte, da meinte man, den Ursprung der Kriechischen Muskelkraft entdeckt zu haben: man „erfand das Hanteln", Übungen, dje (jje Qfjechen nie gekannt haben. Erst viel später hat man auf vielen griechischen Vasenbildern den eigentlichen Gebrauch der Hantel kennen gelernt, die, es klingt wie ein Scherz, zum Weitsprung als sogenanntes Sprunggewicht diente. Und tatsächlich sind in der Militärturnanstalt zu Berlin geradezu überraschende Versuche über Sprünge mit Handgewichten gemacht worden, wobei ganz erstaunliche Resultate erzielt wurden. Wahrhaft nicht der Hantel erst bedurfte es, um jene Körper zu schaffen, war doch ein dauernd im Kampfspiel, in Licht, Luft und Wasser verbrachtes Leben, ein Leben, indem lediglich Muße mit Gymnastik wechselte, Vorbedingung genug, um jene schlanken Gestalten zu schaffen. Jene Zeiten sind unrettbar vorbei. Der Lebenskampf, der gerade uns Juden am gewaltigsten in Anspruch nimmt, läßt uns nicht mehr Zeit zu Uebungen hellenischer Art und verlangt doch andrerseits gebieterisch einen