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Jüdische Turnzeitung · 1911-06-01 · 6 (6.1911) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
6 (6.1911)
Date
1911-06-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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No. 6 119 Aber leider, wie wenigen unter uns ist es vergönnt, unter freiem Himmel in ausreichendem Maße Gymnastik zu treiben! Soziale und persönliche Hinderungsgründe, dazu Klima und Raummangel lassen so manchem unter uns kaum Zeit zu einem kurzen, täglichen Spaziergang. Von intensiver Körperübung unter ireiem Himmel ist überhaupt keine Rede. Aber deshalb sollen wir uns trotzdem die Gymnastik, deren Notwendigkeit wir einmal eingesehen haben, nicht nehmen lassen. Wenn es eben anders nicht möglich ist, nun, dann sei das Zimmer unser Uebungsplatz! Aber man soll diesen dann auch nach Möglichkeit mit den Vorteilen ausstatten, die Gottes Natur uns verleiht: Frische Luft, helles, möglichst Sonnenlicht und vor allem angewärmtes oder — nach längerer Gewöhnung — auch nur zimmerwarmes Wasser zum Bade in der Nähe! Und wenn ich ihnen hier zurufe: Offenes Fenster beim Ueben und ein Vollbad — oder sei es auch nur eine Uebergießung oder eine Abreibung — (nicht über 25° C. in der Regel) danach, so weiß ich wohl: Sie werden mich für einen Barbaren oder mindestens für einen jener sonderbaren Kaltwasserkäuze halten. Ich muß es schon auf mich nehmen, aber als Mann von Ehre sehe ich mich genötigt, mir Genugtuung zu verschaffen. Solange Sie sich nicht um Ihren Körper kümmern wollen, solange Sie nicht turnen, solange Sie nicht täglich baden, solange halte ich Sie nicht für Kulturmenschen, die sich doch das Leben so angenehm einrichten sollten, als es irgend möglich ist. Und um nun gleich bei meiner schlimmsten Forderung anzufangen, beim täglichen Bade, möchte ich nicht noch mehr Ihren verehrlichen Unwillen auf mein armes — wenn auch durch Gymnastik gestärktes Haupt laden und lasse daher einen anderen zu diesem Punkte Stellung nehmen, den bekannten Hygieniker Herrn J. P. Müller: „Gewöhnlich geniert man sich davon zu reden," so schreibt er,, „ich aber will kein Blatt vor den Mund nehmen. Es schadet nichts, wenn es den Leuten einmal gesagt wird, daß man es riechen, wenn auch von außen nicht sehen kann, daß sie nicht baden. Hat ein solcher Mensch sich nur eine Minute in seinem Kontor oder in meinem Zimmer, wo doch die Fenster immer offen sind, aufgehalten, so muß ich eine Zeitlang auch die Tür aufmachen, um durch Zug die verpesteten Dünste hinauszujagen. Hier ist nicht die Rede von Ausatmungsprodukten oder Darmgasen, sondern schlecht und recht von stinkenden Hautausdünstungen. Dies gilt nicht nur von Leuten aus der „arbeitenden" Klasse, ich habe oft Herren mit Gehrock und Zylinder und Damen in „grande toilette" getroffen, die auf einige Meter Entfernung durch ihren Geruch zu erkennen gaben, daß sie selten oder niemals badeten."*) Und wenn Sie nun, meine verehrten Anwesenden, annehmen, daß vielleicht schon ein allwöchentliches Vollbad genügen müsse, um jene oben geschilderte Situation zur Unmöglichkeit zu machen, so bitte ich Sie, eines zu bedenken: Jede Uebung ist erst dann vollwertig ausgeführt, wenn sie den Körper schwitzen macht, und gerade hierin liegt ein Hauptwert der Qymnastik. Werden doch durch den Schweiß alle möglichen schädlichen, selbst Krankheitsstoffe aus dem Körperinnern herausbefördert. Ihnen allen ist Ja die heilsame Wirkung des Schwitzens wohlbekannt. Und sollen wir da den Schweiß auf unserer Haut auch nur für einen Tag eintrocknen und Jene Ausscheidungen zurückwandern lassen? Und wenn es nicht anders seht, so mag eine feuchte Abreibung das Bad ersetzen; aber dabei wollen wir zwei Regeln beachten: energisch frottieren zur Kräftigung der Haut, und •) J. P. Müller: „Mein System», S. 17f.

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