Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 6 (6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4921092-5965121-5965325--3012-4925809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
118 No. 6 müßten von den Vereinen gemeinsam getragen werden, die ein bis zwei ihrer besten Mitglieder dahin entsenden. Diese Ausbildung könnte vielleicht in den Sommermonaten, wo der Betrieb am schwächsten ist, erfolgen. Die Unterstützung unserer starken Brudervereine setze ich dabei voraus. So ausgebildet kehrt jeder Turner nach abgelegter Prüfung in seine Heimat zurück. Hier wird sein Bestreben darin gipfeln, weitere Vorturner auszubilden, die den christlichen Lehrer entbehrlich machen. Daß dadurch die geplante Einführung des hebräischen Kommandos möglich wird, unterstützt nur den obigen Vorschlag. Es wäre daher zu wünschen, daß sich diesem möglichst viele Vereine anschließen würden, um so gestärkt daran zu gehen, auch in den übrigen Orten Vereine zu gründen und zu der körperlichen Hebung der Judenheit beizutragen. Zimmergymnastik. Von cand. med. Siegfried Rosenbaum. Vortrag, gehalten im Turn- und Sport-Verein Königsberg i. Pr. Was ist Zimmergymnastik? Als mir einst ein ebenso lieber wie wohlbeleibter Freund, dem man den Nichtturner bereits aus weitester Entfernung ansah, erzählte, er treibe bereits jahrelang Zimmergymnastik, und als ich ihn dann ebenso zweifelnd wie freundlich anblickte, da setzte er mit unerschütterlicher Ruhe hinzu: er gehe täglich 15 Minuten in seinem Zimmer spazieren. — Er triumphierte. Denn das sei doch ohne Zweifel Zimmergymnastik. Als ich mir dann aber die höfliche Anfrage erlaubte, ob es nicht mehr angebracht wäre, den Spaziergang in Qottes freie Natur zu verlegen, da war das Staunen auf seiner Seite 1 Das wäre dann doch keine Zimmergymnastik mehr! Nun, dieser Logik mußte ich weichen. Wahrscheinlich lustwandelt mein Freund noch heute, wo er glücklich bereits weit in den zweiten Zentner geraten ist, alltäglich in seinem Qemache und betreibt „seine Zimmergymnastik". Und warum sollen wir nicht auch dies als solche gelten lassen? Wir brauchen ja nur den Begriff der Zimmergymnastik recht weit zu fassen, und jede Bewegung im Zimmer zum Zwecke körperlicher Uebung ist damit gemeint. Und daß wir Qroßstädter, insbesondere wir Juden, körperliche Uebung nötig haben, wer sollte das noch bezweifeln? Sehen wir uns doch nur einmal jene vielen, ach, leider allzuvielen, an, deren in Kraftlosigkeit und Krankheit dahinsiechender Körper ihren armen Eigentümern jede Lebensfreude nimmt? Es ist bekannt, daß ein Organ, sobald es dauernd unbenutzt bleibt, verkümmert, andererseits durch gewohnheitsmäßigen Gebrauch wächst und leistungsfähiger wird. Je leistungsfähiger nun die Gesamtheit unserer Organe ist, um so größer ist das Wohlbehagen unseres Körpers. Aber setzen wir schon einmal die Notwendigkeit körperlicher Uebung voraus, so bleibt noch die Frage offen: Wie sollen wir sie gestalten? Und da muß ich Ihnen ein sonderbares Oeständnis machen: ich persönlich bin Oegner der Zimmergymnastik. Wenn wir schon den ganzen Tag Uber im Zimmer zu arbeiten gezwungen sind, dann sollen wir die immer nur kurze Spanne Zeit zu körperlicher Erholung unter allen Umstanden in freier, frischer Luft anwenden. Und, wenn es irgend möglich ist, so sollen wir hier diejenigen Bewegungen vornehmen, deren wir zur Stärkung unseres Herzens, unserer Lungen und unserer Muskeln benötigen.