Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1911-06-01 · 6 (6.1911) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
6 (6.1911)
Date
1911-06-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4921092-5965121-5965325--3011-4925808
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 6 117 Zur Kreiseinteilung der Jüdischen Turnerschaf t*. Von Ing. Leo Schneider- Krakau. Der Gedanke einer Kreiseinteilung ist meiner Ansicht nach noch verfrüht, zu mindest aber gebührt ihm bei dem heutigen Stand der jüdischen Turnbewegung nicht diese Aufmerksamkeit, die vorgeschlagen wird. Ich denke da nicht an den Einwand, der übrigens widerlegt ist, daß noch zu wenig Vereine bestehen. Erst müssen diese wenigen stark und lebensfähig werden, bevor man an die Ausführung des Vorschlages denken kann. Außerhalb Q a 1 i z i e n s sind die Verhältnisse der hier bestehenden Vereine wenig oder gar nicht bekannt. Von Zeit zu Zeit nur liest man in der „Jüd. Turn-Ztg." schöne Berichte über stattgefundene Schauturnen, Ausflüge etc., in Wirklichkeit aber vegetieren dieselben. Und gerade Qalizien ist wie kein anderes Land für die Turnbewegung geschaffen, da die Juden hier besonders eine körperliche Ausbildung durch Sport und Turnen benötigen. Hauptsächlich der Mangel an geeigneten Turnsälen bildet ein Hindernis für eine gesunde Entwicklung bei den bestehenden Vereinen und für etwa geplante Neugründungen. Dieses Hauptübel kann erst mit der Erstarkung der Gesamtorganisation, vorwiegend in materieller Hinsicht, behoben werden. Eine weitere Hemmung für die bestehenden Vereine liegt im Mangel an Vorturnern und turnerisch ausgebildeten Mitgliedern. Der Grund ist darin zu suchen, daß die meisten Vereine christliche Lehrer besitzen, die den Turnern Unterricht erteilen. Es ist doch klar, daß ein solcher nicht das geringste Interesse hat, einen Nachwuchs zu schaffen. Da er außerdem befürchtet, durch straffes Vorgehen seine Stellung zu verlieren, so entwickelt sich eine gefährliche Disziplinlosigkeit. Und darauf möchte ich besonders mit Nachdruck hinweisen, da dies ein Krebsschaden für die jüdische Turnbewegung ist. Das Mitglied muß lernen, in erster Linie zu gehorchen, unabhängig, wer ihm das Kommando auf dem Turnboden erteilt. Er soll nicht denken, daß er „kein Söldner" und daß jener ein bezahltes Organ seil Zwischen Lehrer und Schüler entwickelt sich kein gemeinsames Gefühl, das Turnen wird zum Handwerk. Das Mitglied sieht keine Fortschritte in seinem Turnen, es verliert sein Interesse daran, und die Folge ist, daß der Verein zum Taubenschlag wird. Nur einmal im Jahr wird fieberhaft gearbeitet, wenn das Schauturnen herannaht. Es werden dann dem meist verständnislosen Publikum ein paar Freiübungen vorgezeigt, die in Wirklichkeit nur Arm- und Körperverrenkungen sind, und auf den Geräten Uebungen vorgemacht, die an Exaktheit und Präzision viel zu wünschen übrig lassen. Das Mitglied sieht ja in dem Schauturnen nur die Gelegenheit, seinen Tanten und Schwestern seine „Leistungen" vorzuzeigen. Da muß der Hebel angesetzt werden, bevor an die Kreiseinteilung geschritten wird. Der am meisten zum Ziel führende Vorschlag wäre der, daß sämtliche Vereine, auch die nicht galizischen, denen es an Vorturnern mangelt, sich zusammentun und in Wien oder einer anderen Stadt einen sechs- bis achtwöchigen Vorturnerkursus ins Leben rufen. Die dadurch entstehenden Kosten *) Vergl. die Aprilnummer der Jüd. Turnztg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.