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Jüdische Turnzeitung · 1911-06-01 · 6 (6.1911) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
6 (6.1911)
Date
1911-06-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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No. 6 113 tigkeit. Die folgenden Ausführungen sollen die umfassende und bedeutungsvolle Frage nur nach einer Richtung näher beleuchten. Disziplin kann sich natürlich nicht in einem Qehorsam gegenüber den Befehlen und Anordnungen der Vorgesetzten, sei es Vorturner, Turnwart oder Turnlehrer, erschöpfen. Wie es in der erwähnten Debatte richtig zum Ausdruck am, verlangt wirkliche Disziplin die Erwirkung eines erheblichen Maßes von Selbstzucht, d. h., daß an Stelle des Qehorsams die selbsttätige Erkenntnis der Notwendigkeit einer Maßregel oder einer Summe von Maßregeln tritt und daß man daher ohne weiteres aus sich heraus zu einer Verwirklichung dieser Erkenntnis übergeht. Ich will mich durch Beispiele verdeutlichen. Eine Art von Anordnungen und Befehlen, technisch gesprochen »die Kommandos", werden selbstverständlich nie überflüssig werden können. Sie sind der notwendige Rahmen jedes Turnbetriebes. Ihnen Folge zu leisten, ist kein Akt der Disziplin, sondern der turnerischen Selbsterhaltung. Alles, was darüber hinausgeht, sollte indessen entbehrlich sein. Die Notwendigkeit, auch weiterhin durch Befehle und Anordnungen wirken zu müssen und die Pflicht, Ordre zu parieren, sind die aktiven und passiven Seiten der Disziplin. Ich denke z. B. an Aufforderungen, Ruhe zu halten, nicht außer der Reihe zu turnen, parat zu sein, wenn man an der Reihe ist etc. etc. Die Beispiele, die für die behauptete Bedeutung der Frage zu kleinlich erscheinen, müssen in der Tat zur Charakterisierung der einzelnen Aeußerungen der Disziplin auf dem Turnboden genügen. Es ist auch nicht der einzelne und ah sich betrachtet vielleicht kleine Fall, der ihre Wichtigkeit erkennen läßt, sondern das sie als Zusammenfassung Uberragende Qesamtproblem. Solange diese Disziplin nun aufrecht erhalten wird, lediglich weil der Turner im einzelnen Falle den Befehl erhalten hat, dem er evtl. sogar auch sich entziehen könnte, enthält sie das, was ich als Kadavergehorsam bezeichnen möchte. Es ist der blinde gedankenlose Qehorsam eines Rekruten, der nicht in der Lage ist, etwas zu tun oder zu unterlassen, weil er die Richtigkeit des betreffenden Verhaltens erkannt und sich von selbst schon, ohne eine entsprechende Dirigierung erst abzuwarten, danach eingerichtet hat. Das Ziel turnerischer Erziehung muß sein, das Indieerscheimmgtreten der Disziplin überflüssig zu machen, weil jeder Beteiligte, von ihrer Notwendigkeit durchdrungen, sich selbst danach einrichtet. Dadurch gliedert es sich gleichberechtigt in die Reihe der allgemeinen Bildungsbestrebungen ein und beweist die über den Turnboden hinausragende Bedeutung der Turnerei. Der so disziplinierte Turner wird die erlangte persönliche Fähigkeit nicht allein in der erwähnten Begründung bewähren, sondern von ihrem Wert überall, wo ihre Betätigung in Frage kommen kann, Zeugnis ablegen können — für sich und für das Judentum als Beweis seiner Regeneration. Denn nur in diesem Sinne kann die j ü d i s c h e Turnbewegung in ihrer Abgesondertheit Rechtfertigung finden. Es ist notwendig, sich dies vor Augen zu halten, wenn man an die praktische Ausbildung jüdischer Vorturner, Turnwarte und Turnlehrer geht.

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