Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 6 (6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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112 No. 6 gebend, nicht was sein Vater ist, was sein Großvater war. (Unser aller Urgroßvater, auch der Urgroßvater der „Ganz Vornehmen" ist wohl dasselbe gewesen.) Zu dieser Art der Wertung unserer Stammesgenossen erzieht uns das jüdische Turnen; wir üben für die Minderbemittelten und Angehörigen der unteren Schichten unserer Stammesgenossen keine „Wohltätigkeit", die Geschenke austeilt und sich dann zurückzieht; wir geben diesen Stammesgenossen für ihren Körper die Kraft und für ihre Seele das Gefühl des Gleichseins, das sie ihre Fähigkeiten entwickeln läßt, die bei der ganzen Gestaltung jüdischer Vereine mit ihrem gesellschaftlichen Abschluß sonst verkümmern. Dadurch wirken die jüdischen Turnvereine kulturfördernd. Wer uns den Vorwurf macht, daß wir „jeden" aufnehmen, wer uns bekämpft, hält die kulturelle Entwicklung der minderbegüterten Schichten unserer Stammesgenossen auf. Wir machen Elemente, um die man bisher sich nur in der Form der „Wohltätigkeit" gekümmert hat, für die jüdische Organisation nutzbar. Schließlich ist das jüdische Turnen ein eminent wichtiger Faktor in der Erziehung der jüdischen Jugend. Einer Jugend, die starken und gesunden Körpers ist, wird man leicht die Begeisterung für die Helden der jüdischen Geschichte einflößen können, weil sie weiß, was Kraft und Mut bedeutet. Ist sie dagegen schlaff und energielos, wie leider ein großer Teil der jüdischen Großstadtjugend, dann wird sie ohne Liebe für Juda Makkabi und Barkochba bleiben, wird auch nicht den Willen in sich fühlen, die Geschichte ihres Stammes ruhmreich fortzusetzen. Wer die jüdische Turnsache bekämpft, hemmt die Erziehung der jüdischen Jugend zu selbstbewußten Juden. Eine möglichst starke jüdische Turnerschaft ist auch die beste Grundlage für den Kampf um die Gleichberechtigung. Eine starke jüdische Jugend, die, vorgebildet in den jüdischen Turnvereinen, tüchtige Soldaten liefert, ist mehr wert als alle Versammlungen mit großen Resolutionen. Das sollten alle diejenigen einsehen, die den Kampf um die Gleichberchtigung führen; wer von ihnen die jüdische Turnsache bekämpft, legt sich selbst Steine in den Weg. Und wer gar tatenlos beiseite steht, hat das moralische Recht verwirkt, auf den Antisemitismus zu schimpfen. Wir wollen es dahin bringen, daß man sagt: nicht „die Turnvereine sind verjudet", sondern: „Das Turnen ist etwas Jüdisches geworden." Turnen als soziales Bildungsmittel. Von Dr. H. P.-Hamburg. Wir hatten neulich im Hamburger „Bar-Kochba" nach einem Vortrage eine lebhafte Debatte über turnerische Disziplin. Die Meinungen gingen lebhaft auseinander, hauptsächlich soweit die Würdigung der praktischen Erfolge in dieser Hinsicht in Frage kam. Ueber die Sache selbst brauchte wohl an sich kein Wort verloren zu werden. Alle waren sich darüber einig» daß Disziplin selbst schon für den äußeren Turnbetrieb unbedingt notwendig ist. Ihr Maß und höherer Zweck dagegen waren außerordentlich umstritten. Dieser Punkt verdient, nicht mit einer Erörterung in relativ kleinem Kreise abgetan zu sein. Er ist für die jüdische Turnerei von grundlegender Wich-