Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1911-06-01 · 6 (6.1911) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
6 (6.1911)
Date
1911-06-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4921092-5965121-5965325--3005-4925802
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 6 111 geheuren Wichtigkeit einer möglichst starken Organisation des Judentums überzeugt wäre. Aber wie sie schaffen? Abwehr- und Kampf-Organisationen des deutschen Judentums können noch beträchtlich ausgebaut werden; Zehntausende deutscher Juden sind noch nicht organisiert, Hunderttausende hängen mit ihrer Organisation nur lose zusammen; sie zahlen ihren Beitrag; damit ist das Interesse erschöpft. Wie ist zu helfen? Die Ausbildung der jungen Generation in der jüdischen Turnerschaft ist die Grundlage einer künftigen festgefügten Organisation des Judentums. Die erzieherische Wirkung des Turnens, des jüdischen. Turnens, macht uns für die jüdische Organisation geeignet. Jeder, der in der Turnbewegung steht, kann die Wandlungen beobachten, die manche unserer Turnbrüder bei uns allmählich durchmachen. Der größte Teil der jüdischen Jugend besitzt die typischen Fehler: Ungeniertheit, Respektlosigkeit, Geringschätzung alles Jüdischen. Wer von ihnen zu uns auf den Turnboden kommt, kann es gar nicht begreifen, daß er sich „benehmen" muß, daß nicht er derjenige ist, nachdem sich alles richtet, sondern daß es der Vorturner ist; es kommt ihm komisch vor, daß er dem Vorturner zu gehorchen hat, daß er dessen Handlungen nicht aus Reih und Glied heraus kritisieren darf, und er wundert sich, daß nicht vor und nach jeder Uebung die Turner verächtlich „Gojimnaches" sagen. Allmählich lernt er in Reih und Glied stehen, lernt gehorchen, Disziplin halten,. lernt Selbstzucht und Respekt. Alles dies würde ihm auch ein nichtjüdischer Turnverein geben, aber für die gewünschte Organisation des Judentums kommt es. gerade auf dies an: er soll lernen, mit Juden Gemeinschaft zu üben, sich Juden zu fügen. Denn nur dann, nur wenn er die übliche Geringschätzung des Jüdischen gründlich verlernt hat, wird er für die jüdische Organisation geeignet sein. Erst wenn er mit jüdischen Turnbrüdern singt: „Wir wollen wie Brüder uns halten", wird ihm der Gedanke, daß er mit seinen Stammesgenossen zusammenhalten müsse, in Fleisch und Blut Ubergehen. Wenn man ihm beigebracht hat, daß kein Turner auf dem Turnboden die Hände in den Hosentaschen haben darf, wird ihm bewußt werden, wie dies für uns Juden symbolisch wird: jeder Jude soll tätig mit Hand anlegen, keiner träge und faul beiseite stehen. Erst wenn er gelernt hat, auch beim Zusammensein mit Stammesgenossen zu schweigen, sich den Anordnungen der selbst gewählten Führer zu fügen, dann wird die kleinliche Kritik, dieses ewige Nörgeln und Bessermachenwollen, das die Arbeiten der jüdischen Organisationen so oft hemmt, endlich verschwinden. (Darum ist die Erziehung der jüdischen Jugend in den Turnvereinen besser als in den Jugendbünden: im Turnverein lernt sie — schweigen, im Jugendbund — reden.) Wer also eine starke Organisation des Judentums wünscht, muß für die jüdische Turnsache wirken. Wer die jüdische Turnsache bekämpft, hemmt die quantitative und qualitative Weiterentwicklung der jüdischen Organisation. Und auch folgendes ist für die Organisation von Wichtigkeit: die Turner stehen sämtlich gleichberechtigt in Reih und Glied, neben dem Kaufmann steht der Akademiker, neben dem Schüler der Lehrling. Die Gleichheit soll möglichst auch äußerlich durch die Turnertracht veranschaulicht werden. Die gleiche Behandlung schließt jeden Kastengeist aus: was Einer kann, ist maßgebend, nicht, wieviel Geld er hat. Was Einer ist, ist maß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.