Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 5 (5.1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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92 No. 5 Wenn diese Erkenntnisse allgemein würden, und wenn künftig so unsere Kinder, unsere Jünglinge so erzogen würden, dann würden wir Juden Männer bekommen und mit den Männern Macht. Heute? Wie sieht's denn heute bei uns aus? Alles zerrissen und zerfahren. In allen Fragen so viel Schulchan-aruchs als Köpfe. Jeder ist seine eigene Partei. Jeder ist sich selbst zu interessant und zu wichtig, als daß er zu einem Führer Vertrauen hätte. Wir sind die Outsiders im eigenen Lager. Wir sind das Volk der Sezessionen und Cliquen. Wir sind die Sippe der „Eizesgeber", der Besserwisser, der Niehtausredenlasser. Wir legen in der politischen ebenso wie in der gesellschaftlichen Eisenbahn unsere Stiefel auf die gegenüberliegende Bank, ziehen sie erschrocken zurück, da ein neuer Qast hereinsteigt, um sie mit dem klassischen „Ä soi!" der Nichtachtung wieder in jene unanständige Lage zu bringen, da sich herausstellt, daß der andere ja auch „nur ein Jude" sei. Unser von den Feinden geschmähtes, von uns selbst gepriesenes Zusammenhalten ist in Wahrheit nur ein Zusammenstecken. Wir kennen keine Autorität als die Autorität des Erfolges. Und selbst diese Autorität lassen wir für nichts gelten als ein Aushängeschild, eine Dekoration. Wir verteilen Orden, keine Macht. Das ist bitter, und ich weiß, manch einer wird es mir nicht danken, daß ich hier die Wunde so bloßgelegt habe. Aber es ist so, bei Oott, es ist so: Vom Tiefsten bis zum Höchsten, vom Kleinlichsten bis zum Idealsten, vom „Khillemachlokes" bis zum politischen Kampf, wir sind das Volk ohne Autoritäten. _ Und weil es so ist, darum sind wir heute für eine jüdische Politik unbrauchbar, sind wir ohnmächtig, unsere Rechte zu erlangen, und ohnmächtig, im Innern ein gesundes jüdisches Leben zu entfalten. Wir haben wohl große Organisationen, aber es fehlt ihnen die Stoßkraft. Die Alliance israelite universelle, die nach dem großen Worte ihres Begründers Crdmieux dazu bestimmt sein sollte, das Gouvernement, die Regierung des jüdischen Volkes zu sein, das repräsentierende Sprachorgan des Judentums den europäischen und den anderen Regierungen gegenüber, sie ist eine Sammelbüchse für kulturelle Zwecke geworden, leistet als solche manches Oute, aber das wahrhaft Qroße ist klein geworden. Wo ist der deutsche Judentag, den einer der besten unter uns plante? Die große Idee ist in dem kleinen Kasten des Verbandes der deutschen Juden eingesargt worden. So geht es den großen Ideen unter uns. Aber es könnte anders sein. Wenn wir ein Mannesideal hätten, ein Erziehungsideal, das nicht bloß darauf zielte, daß der Junge möglichst weit im Leben komem. eine möglichst gute Heirat mache und möglichst angesehen und reich werde, sondern vor allem darauf, daß er zu einer Vollnatur wachse, daß er ein Mann werde, der Respekt hat vor der Mannhaftigk««' des andern; ein Jude, der in dem anderen nicht den sieht, der auch nur ein Jude ist, sondern den Mann, um den der Bannkreis der Persönlichkeit gezogen ist, vor dem es „Halt!" heißt und „Hut ab!" für den Kaiser selbst: ein Jude, der weiß, was es heißt, Distanzen zu haben und Distanzen zu respektieren; was es heißt, einer Autorität zu dienen mit Vertrauen und Hingabe; ein Jude, dem endlich die Erkenntnis aufgedämmert ist, daß uns. Juden nicht zu helfen ist ohne den Oedanken der Organisation, und da«