Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1911-05-01 · 5 (5.1911) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
5 (5.1911)
Date
1911-05-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4921092-5965121-5965324--2980-4925778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 5 91 Oekonomie des Leibes versteht, der wird sich auch bald auf die Oekonomie der Seele verstehen. Die Disziplin des Turnsaales ist eine gute Vorschule tür die Disziplin in der Gesellschaft. Wenn ich einen Sohn habe, der im Turnen Vorzügliches leistet, will ich ihm gern gestatten, einmal sitzen zu bleiben. Zucht abei auch dem Jünglinge noch, der ins Leben tritt, dem jungen Kaufmann, dem Studenten! Den sollen seine Eltern in die für ihn bestimmten Vereine schicken. Vor allem wieder in diejenigen Vereine, in denen es eine Disziplin gibt; in die Vereine mit straffer Organisation, die man füglich als Erziehungsvereine bezeichnen kann. Das sind die Turn- und Studentenvereine vor allen Dingen. Was nützen uns die literarischen Kränzchen und dramatischen Klubs, in denen es so wunderbar „zwanglos" zugeht, und deren ständiges Charakteristikum es ist, daß sie eingehen, wenn keine Damen aufgenommen werden. Der junge Mann soll lernen, mit Kraft und Anstand ein Joch zu tragen, einem Zwange sich zu unterwerfen, der alle beherrscht. Da aber ein solcher Zwang nur dann segensreich wirken kann, wenn eine Idee hinter ihm steht, und da es ja die Autorität des Judentums ist, die wir ersehnen und erarbeiten wollen, so kommen für unsere jungen Leute nur die jüdischen Turn- und Studentenvereine in Betracht. Diese leider noch viel zu dünn gesäten Vereine, zu denen in letzter Zeit noch eine große Anzahl „jüdischer Jugendvereine" gekommen sind, die allerdings noch keine straff disziplinierte Organisation haben, aber hoffentlich bald haben werden und bekommen müssen, wenn sie etwas erreichen wollen, — ich sage: All diese Vereine vollbringen heute in unserem Vaterlande ein größeres Kulturwerk unter uns als irgend eine andere Organisation, als Loge, Literatui verein, Zentralverein zusammen. Ein größeres Kulturwerk, als der Herr Vater und die Frau Mutter ahnen, die immer meinen, daß für ihren Sohn, ihren Stolz, der Studentenverein der erste Schritt zum Verbummeln ist. Denn diese Vereine begnügen sich nicht, ihren Mitgliedern die Kenntnis des Judentums zu übermitteln, begnügen sich nicht, Diskussionsklubs für künftige Anwälte zu sein, begnügen sich nicht, Fabriken für geistreiche Biermimiken, bunte Ballarrangements und glänzende Wichsparaden 2u bedeuten, sondern sie wollen etwas schaffen, was mehr ist, was nach wenig aussieht und alles ist: Den Manul Seit mehr als zehn Jahren stehe ich nun mitten in der jüdischen Studentenbewegung und habe sie kommen sehen, all die Stolze der Familie, all die Juwelen der Provinz, die gestern noch an Vaters Tische das große Wort führten und von Mamachen bewundert wurden, und nun plötzlich am ersten Tage, wo sie im Verein ihre neue Weisheit auskramen wollten, hören mußten: Du hast den Mund zu halten, wenn Erfahrenere sprechen, Fux! Und habe ihre Empörung erlebt, wie sie zuerst von der Knebelung ihrer Individualität zu schreien begannen, wie sie sich auf die Freiheit der Persönlichkeit beriefen und erst allmählich einsehen lernten, daß man einer!<lee nur dienen kann, indem man sich ihr unterwirft, daß man zum Herrschen nur kommen kann durch Selbstbeherrschung, daß nur Respekt Respekt erzeugt, daß den Mann nicht der Mund macht, auch nicht der Oeist, aHch nicht die Moral, sondern die Z u c h t.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.