Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 5 (5.1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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90 No. 5 konnte nicht zärtlich genug sein. Seitdem aber die Ghettomauern fielen und wir in das allgemeine Wirtschafts- und Gesellschaftsleben eintraten, hätte dem entsprechend die Erziehung des Kindes mehr nach außen gerichtet werden müssen, in die Gesellschaft, in den Staat hinein. Da mußte es verhängnisvoll werden, wenn man bei der alten Erziehung blieb. Das, was uns früher stark gemacht hat, die Zärtlichkeit im Hause, mußte uns jetzt schwächen und fürs gesellschaftliche und politische Leben untauglich machen. Und das ist es, was ich heute an unserer Jugenderziehung auszusetzen habe. Auszusetzen habe, obgleich es geschichtlich zu begreifen und auch zu entschuldigen ist. * Unsere Erziehung leidet an einer Vergötterung des Kindes. Bei den kleinen und mittleren Juden, die ununterbrochen aufwärts streben und sich den Bissen vom Munde sparen, um den einen Sohn studieren zu lassen, dem andern das Sprungbrett zum Reichtum zu geben, finden wir dies am stärksten ausgeprägt. Nur zu natürlich. Ihre Kinder sollen mehr werden als sie, sind also schon mehr als sie. Solche Eltern setzen gar oft in blinder Liebe ihren eigenen Willen hinter den Willen ihrer Kinder. Ich habe die Ergebnisse solcher Erziehung unter den jungen Studenten zu Dutzenden kennen gelernt, diese Blumensträuße von Arroganz und Selbstgefälligkeit, von Urteilsanmaßung und Bildungshochmut, von Egoismus und Unbescheidenheit. Aber selbst unter den Hochgebildeten ist es oft nicht anders. Nur daß man sich dort mit dem Flitterkram moderner Schlagworte behängt. Dort lebt man im „Jahrhundert des Kindes". Dort huldigt man der sogenannten individuellen Erziehung. Denn jedes Baby im Steckkissen, jedes Bübchen und 'Töchterchen ist ja eine Individualität, die gepflegt und gehütet sein will, jeder verseschreibende Sekundaner ist ein Genie, der Stolz der Familie. Eine Erkenntnis aber fehlt hier wie dort: Daß die einzige Erziehung, die nicht bloß dem einzelnen, sondern auch dem Judentum als Ganzem heute gedeihen kann, in nichts anderem bestehen darf als in dem, was die alt" deutschen Sänger „Zucht" nannten. Ob einer ein guter Kaufmann oder ein tüchtiger Anwalt wird, hängt wenig oder gar nicht von der häuslichen Erziehung ab. Man kann es weit bringen, auch wenn man kein Charakter ist. Im Gegenteil: Charakter ist eine Kugelkette am Fuß des Karrieremachers. Wer aber will, daß sein Sohn es nicht bloß weit bringen, sondern nebenbei auch ein Mensch, ein ganzer Mann werden soll, der überall, auch in der Gesellschaft und in der Politik seinen Platz ausfüllt, und nur einen solchen kann man einen Mann nennen, der muß ihm mehr geben als Liebe und Wohlwollen, mehr als Nachsicht und Zärtlichkeit: Zucht! Zucht dem Kinde im Hause, Zucht dem Jüngling, der ins Leben tritt. Zucht dem Kinde im Hause! Ein Vater muß seinem Kinde Autoritäten geben, muß ihm Grenzen und Hemmnisse setzen, muß es lehren, sich unterzuordnen, seine Empfindungen zu beherrschen, seinen Willen zu zähmen. D'e für unsere jüdischen Kinder wichtigste Stunde in der Schule ist die Turnstunde. Dort etwas zu leisten, muß eine der ersten Forderungen jüdischer Eltern an ihre Kinder sein. Dort lernt das Kind, seinen Körper in der Gewalt zu haben, lernt die üekonomie des Leibes. Wer sich aber auf "ie