Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 5 (5.1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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89 Ich möchte noch weitergehen: Wir sind wie die Insassen eines Gefängnisses. Weiß man, wie es da zugeht? Dort sitzen Millionäre wegen Unterschlagung neben räuberischen Kloakenreinigern, Kommerzienräte wegen Sittlichkeitsvergehen neben Totschlägern aus der Hefe des Volkes. Und was tun sie, die das Elend dort zusammengebracht hat? Sie duzen sich, der Kloakenmann den Kommerzienrat, der Totschläger den Geldunterschlager. So geht es mit uns Juden. Wir sind wie die Gefangenen: wir duzen uns alle, auch wenn wir „Sie" sagen. Hinter jedem „Sie", das wir zueinander sprechen, hinter jeder „vorzüglichen Hochachtung", hinter jedem „Hochwohlgeboren" steckt ein grinsendes „Du", steckt der wahrhaft empörende Rippenstoß einer Intimität, die jeden Respekt ausschließt. 'Wir müßten Masken tragen, wie die badischen Sträflinge, wenn sie zusammengebracht werden, damit wir Respekt voreinander bekommen. Schnitzler hat recht, wenn er sagt, es könne Neid, Haß, ja manchmal Bewunderung, am Ende sogar Liebe zwischen Juden existieren, Respekt niemals. Der Jude kennt keine Autorität in der Judenheit, und sobald sich eine Autorität geltend macht, sträubt er sich und verteidigt sich mit falschen demokratischen Begriffen. Ist es nicht interessant, daß wir Juden, das konservativste Volk, gleichzeitig das demokratischste sind? Wie läßt es sich verstehen, daß wir, die Anhänger der fortschrittlichen und demokratischen Parteien, unser Judentum selbst nach, den Prinzipien des „Jichus", der Plutokratie, regieren? Daß in unseren Gemeindevorständen und -repräsentanzen nicht immer diejenigen sitzen, die die besten Juden sind und das größte Interesse haben, sondern nur zu oft die, welche den besten Titel und den größten Geldbeutel haben? Wie lassen sich solche Tatsachen anders erklären, als daß wir Juden nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, demokratisch sind? Hätten wir alle Rechte im Staate, wir wären konservativ bis zur Intoleranz. Wir sind demokratisch, weil wir die Wildlinge der Gesellschaft sind. Unsere, die jüdische Gesellschaft, unsere, die jüdische Organisation, ist und kann uns kein Zuchtmeister sein. So bleibt uns nur ein Zuchtmeister ''brig: Die Familie. III. Da ergibt sich denn voti selbst die Frage: Was leistet heute die Jüdische Familie in der Erziehung des Juden zur Selbstzucht? — Und nur eine Antwort: Nichts. Wer möchte die Bedeutung der Familie in unserem Volke leugnen? In einer Zeit, da eine Welt von Feinden uns zu verschlingen drohte, war s'e der Anker, der unser Schifflein hielt. Sie ist heute kein Anker mehr. Wohl können wir uns heute noch der Zartheit der Familienbande rühmen, aber unser erzener Fels ist sie nicht mehr. Auch bei uns kann das Lied von den Vätern und Söhnen gesungen werden. Aber nicht das ist es, worauf es hier ankommt. Sondern das Schicksalsschwere liegt darin, daß das, was früher die Vorzüge der jüdischen Familie waren, heute Nachteile geworden sind. Unsere Familie bedeutet ein Stück Mittelalter hineingeflickt in den Teppich der modernen Zeit. Damals *|ng und mußte alle Erziehung nach innen gehen, das jüdische Kind wurde fi>r die Familie und in die Familie hinein erzogen. Eine solche Erziehung