Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1911-05-01 · 5 (5.1911) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
5 (5.1911)
Date
1911-05-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4921092-5965121-5965324--2977-4925775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

88 No. 5 Man könnte versucht sein, in die fernsten Zeiten zurückzugehen und nichts anderes in ihr zu sehen als das alte Korachübel Israels. Aber man soll sich davor wohl hüten. Die Geschichte von Korach, der auf die Auserwählung des gesamten Israel pochend sich gegen Mose, den durch seine persönliche Autorität Auserwählten, empörte, kann nur den Wert einer Analogie für uns besitzen. Denn wenn wir behaupten wollten, daß der Oedanke der Auserwählung, der Aristokratisierung des ganzen Volkes schuld daran ist, daß es für den Juden im Judentum selbst keine Autorität gibt, daß der Schnorrer dem Rothschild gleich, also der Rothschild dem Schnorrer verpflichtet sei, und wenn man schließlich diese Erwägung noch mit der vielfachen Zerrissenheit und dem endlichen Untergang unseres Staatswesens stützen wollte, so käme man mit eiserner Notwendigkeit dazu, in all diesen Fehlern unauslöschliche Erbfehler zu sehen. Aber es sind keine Erbfehler, sondern nur Erziehungsfehler, und ihre historischen Gründe liegen viel näher herauf, sie sind teils aus dem letzten Jahrtausend, teils erst aus dem letzten Jahrhundert erklärbar. Dieser Erklärung wollen wir jetzt näher treten. H- Die stärksten Erzieher des Menschen neben dem Hause sind der moderne Staat und die moderne Gesellschaft. Der eine Zuchtmeister, der Staat, hat uns zweitausend Jahre lang gefehlt und fehlt uns noch heute zur Hälfte; der andere, die Gesellschaft, hat uns vernachlässigt. Während bei den anderen Völkern die sorgfältigste Schichtung der Gesellschaftskreise erfolgte und immer weiter erfolgt, und das Beamtentum in der historischen Entwicklung das ganze Volk dazu erzog und erzieht, den kulturellen und individuellen Segen der Eingliederung des einzelnen in einen festen Organismus zu erkennen, sind wir Juden allezeit eine fluktuierende Masse gewesen und geblieben. Wohl hatten wir unser talmudisches Qesetz als Erzieher, und das konnte uns auch in bösen Qhettotagen zu widerstandsfähige" Individuen erziehen. Aber nur fürs Ghetto, nicht für die Gesellschaft. Nicht zu einem «oXmx&v Sröov im Sinne unserer Zeit. Wir fluktuieren. Unsere Gesellschaftskreise entbehren jeglicher Gliederung. Wir sind ein Körper ohne Gerippe. Die Knochenlosigkeit ist unser Fluch. Der soziale Brei, den wir darstellen, wird noch durch das gesellschaftliche Empordrängen der niedrigsten in die höchsten Kreise vollkommen gemacht. Aber wo es keine Gliederung gibt, gibt es auch keine Eingliederung, und wo keine Ordnung ist. da lernt man auch nicht, sich unterzuordnen. Die Unbestimmbarkeit und Ujibegrenztheit unserer jüdischen Kreise ist somit der historische Qrund dafü > daß dem Juden so sehr die gesellschaftliche Zucht abgeht: Er weiß nicnU wo die Grenzen sind, weiß nicht, Vie weit er gehen darf. Da die Oese - schaff, in der er aufgewachsen ist, ihm nicht den Takt angibt, fehlt i natürlich der Takt. Er stößt an, sobald er mit Kreisen in Berührung kon1"\j denen die gesellschaftliche Zucht eine Selbstverständlichkeit ist. Er politisch unbrauchbar. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu, was ihn nicht bloß eine äußere, sondern auch für eine innere jüdische Politik untauglich **** ' Der Druck und die Entrechtung, die auf ihm lasten. Wir sind, wie An Schnitzler in seinem- Judenroman schrieb, wie Gefangene in Feindesl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.