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Jüdische Turnzeitung · 1911-05-01 · 5 (5.1911) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
5 (5.1911)
Date
1911-05-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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No. 5 87 die Manieren belauschen und den Menschen sehen. Man sollte Unarten erleben und — die Qriinde unserer politischen und kulturellen Ohnmacht. Bevor ich dem Leser aber diese scheinbare Extravaganz klarlege, muß ich eines von ihm als Vorbedingung verlangen. Er muß einsehen, daß diese Unarten jüdische Unarten sind. Denn mögen sie immerhin auch anderwärts vorkommen und deshalb manchem nur als die Ergebnisse einer schlechten Kinderstube erscheinen, so ist doch ihr Auftreten in den Jüdischen Kreisen so allgemein, so weitverbreitet, daß wir ihnen das Prädikat „jüdisch" wenigstens in einem äußeren, rein lokalen Sinne beilegen müssen. Man kann sie überall erkennen, wo Juden zusammenkommen. Man findet sie in jeder großen und kleinen Gemeinde, man sieht sie auf Bällen und Vortragsabenden, man trifft sie bei jeder Feierlichkeit und bei jeder Versammlung, selbst das Gotteshaus verschonen sie nicht. Sie erscheinen in tausend Formen, bald als Unbescheidenheit, bald als Rücksichtslosigkeit, bald als Ungeniertheit, bald als Taktlosigkeit und bald auch als Arroganz. Und sollte sie einer leugnen, so rufe ich den Leugner selbst zum Zeugen auf, daß er hundertmal über diese Unarten gelacht oder gelächelt hat, und zwar verständnisinnig. Und leugnet er sie weiter, so zwinge ich ihn, mit mir in das Reich der jüdischen Witze hinabzusteigen, die uns die Tragikomödie des Judentums nur zu oft mit einem so unbarmherzigen Realismus vorspielen, daß wir eher weinen als lachen möchten. Dies ist die Voraussetzung, aus der ich alle meine Schlüsse ziehe. Nur wer unbefangen genug ist, die Fehler seines Stammes zu erkennen und anzuerkennen, und ernst genug, sich mit ihnen nicht in der beliebten spöttischen Manier, sondern mit Gewissenhaftigkeit abzufinden, wird mir heute folgen können. Und wird zu seinem Tröste bald einsehen, daß all diese Fehler, nicht wie unsere Feinde behaupten, Erb- und Rassefehler, sondern Erziehungsfehler sind, etwas, was Erziehung hervorgerufen und deshalb auch Erziehung beseitigen kann. Wenn es sich nun darum handelt, alles das, was wir jüdische Unarten "ennen, auf eine Formel zu bringen, so kommen wir einigermaßen in Verlegenheit. Die Formen, in denen sie sich äußern, sind so verschiedenartig, daß man eigentlich nur einen gemeinsamen Namen für sie hat: Golus. Und damit ist praktisch wenig gesagt. Immerhin kann man behaupten, daß der Kroße Teil all unserer Unarten auf einem Mangel an Selbstzucht beruht. Ich bitte, hier Selbstzucht im weitesten Sinne zu verstehen und in einer gewissen Verschmelzung mit dem Begriffe des Selbstbewußtseins. Selbstzucht ist in diesem Sinne sowohl eine individuelle als auch eine soziale Tugend. Wer Selbstzucht hat, kennt erstens die Grenzen seines Charakters und weiß seinen Charakter'in diesen Grenzen zu halten, und zweitens kennt er die Grenzen zwischen sich und den anderen, hat er das untrügliche Gefühl für die Stellung der eigenen Person inmitten der Gesellschaft, hat er jenes undefinierbare Etwas, das uns fähig macht, an jedem Orte, zu jeder Stunde das Rechte zu tun und zu sagen: den Instinkt des Angemessenen, das soziale Augenmaß: den Takt. Das ist es, was uns fehlt. °as fehlt uns im privaten, und das fehlt uns im öffentlichen Leben. Warum? Es muß einen Grund haben. Wo liegt die historische Erklärung dieser Erscheinung?

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