Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1911-05-01 · 5 (5.1911) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
12 (1911)
Issue
5 (5.1911)
Date
1911-05-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4921092-5965121-5965324--2975-4925773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

86 No. 5 und die lieben Leutchen beobachten. Die verehrte Hausfrau hat soeben die Mahlzeit gesegnet, die Türen zum Salon wurden geöffnet. Einige ältere Herren setzen sich rauchend in eine Nische, um ein Gespräch über die letzte Theaterpremidre zu Ende zu führen, das man bei Tische begonnen hat. Die jüngeren Herren und Damen stehen in Qruppen von zweien und dreien herum, der Hausherr selbst bemüht sich um einen etwas abseits stehenden Herrn, der anscheinend das erste Mal in dieser Gesellschaft ist, und von dem man uns im Vorübergehen zuflüstert, daß es eine jüdische Berühmheit wäre, jener vielgenannte Schriftsteller, dessen letzter Roman so großen Erfolg gehabt hat. Während wir unsere Blicke noch über den plaudernden Saal schweifen lassen, werden wir von der liebenswürdigen Wirtin unterbrochen, die eine junge Dame auffordert, am Klavier zu singen. Das Fräulein beginnt, ohne sich lange zu zieren. Sie singt nicht gut, aber auch nicht schlecht, kurz so, wie auf solchen Gesellschaften immer gesungen wird. Während sie nun da am Klaviere steht, bemerken wir etwas* Sonderbares. Es kommt eine Bewegung unter die Herrschaften im Saal. Einige junge Leute, wohl Studenten, ziehen sich plötzlich in den offenen Nebenraum zurück, und zwar mit sehr verdächtigen Mienen. Man merkt es, sie machen sich über die dilettantische Sängerin lustig. Es folgen ihnen andere Damen und Herren, man hört unterdrücktes Oelächter. Die Herren in der Nische haben am Anfang des Liedes einige Sekunden zugehört, jetzt nehmen sie in gedämpftem Tone ihre Unterhaltung wieder auf und merken es kaum, als die Dame ihren Gesang geschlossen hat. Das Gespräch wird lauter. Da sehen wir, wie ein junger Mann von zwanzig Jahren an den eifrig in ihrer Nische disputierenden Herren vorübergeht, ein wenig zuhört und plötzlich mit beiden Beinen in das Gespräch hineinspringt: „Entschuldigen Sie, meine Meinung ist nämlich die . . .", worauf er seine Meinung entwickelt und den alten Herren haarscharf beweist, daß sie sich irren, mindestens, und es ihnen kaum verschweigen kann, daß er sie, gelinde gesagt, für Esel halte. Wir haben uns noch kaum davon erholt, als wir sehen, wie ein anderer junger Mann an die Berühmtheit herantritt, der er wohl gar nicht vorgestellt worden ist. und sie-mit dem freundschaftlichen Kompliment attackiert: „Ich habe Ihren neuen Roman auch gelesen. Ich kann Ihnen sagen: Großartig! 1" — — So spinnt das Bild sich weiter; wir aber lassen den Vorhang fallen. Was war das nun? Was haben wir da gesehen? Sicher etwas Alltägliches, etwas, was jeder beobachten kann, der sich gern in eine Ecke stellt und beobachtet. Kleinigkeiten, wird man sagen, Unarten, Schwächen. Gewiß. Vielleicht aber hat jemand so eigentümliche Augen, daß er in solchen Kleinigkeiten Symptome erblickt. Der eine sieht ein rotes Fleckchen auf der Haut: vielleicht aber sieht ein anderer Scharlach. Vielleicht kommt sogar jemand auf den Gedanken, daß man auf den inneren Menschen viel besser aus solchen Kleinigkeiten schließen kann, als beispielsweise aus seiner politischen Stellungnahme. In der Tat, ich glaube, man erkennt den Menschen manchmal klarer aus seinen Gewohnheiten und Angewohnheiten als aus den Konfessionen seines Tagebuchs. Nicht seinen Oeist, vielleicht auch nicht so sehr seinen Charakter; eines aber unzweifelhaft: seine Erziehung. Der treuste Spiegel einer Erziehung sind immer die Manieren. Und das ist es, was ich in dem kleinen Erlebnisse zeigen wollte: Man soll

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.