Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 4 (4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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73 Kontor, wo meistens schlechte Luft herrscht. Denken Sie an eine Buchhalterin, die wie angewachsen vor ihren Büchern sitzt, an eine Maschinenschreiberin, die oft nichts anderes ist als der letzte Hebel, der die Maschine in Bewegung setzt. Denken Sie an eine Lehrerin, die tagein, tagaus im engen Schulzimmer unterrichtet. Ihnen allen fehlt die Bewegung. Bewegung aber ist Leben, Bewegung ist Gesundheit, Bewegung ist Kraft! Sich durch größere Spaziergänge Bewegung zu verschaffen, fehlt ihnen die Zeit. Da ersetzt denn °as Turnen in ganz hervorragender Weise die Bewegung. Mit den leichten Turnkleidern kommt gleich eine leichte Stimmung. Wie denn Kleider überhaupt sehr auf die Stimmung eines Menschen einwirken! Sie werden es alle schon an sich selbst beobachtet haben, daß man sich in einem hellen Sommerkleide iieier fühlt, als in einem dunklen, schweren Winterkleide. Mit einer bequemen und leichten Turnkleidung tritt man zum Turnen an. Das Kommando ertönt, und um die Uebungen pUnklich auszuführen, muß man scharf auf die Worte der Kommandierenden achten. Es interessiert Jetzt nur Drehung rechts, Drehung links, übt und stillgestanden. Man denkt nicht mehr an Debet und Kredit, Stenographie und Schreibmaschine, Abc und Einmaleins. Dieser negative Erfolg ist ein sehr wesentlicher. Einmal nicht an die alltägliche Beschäftigung zu denken, trägt zur Erfrischung des Geistes bei. Das Turnen wirkt auch auf den Charakter, und was man auf dem Turnboden gelernt hat, wird man auf dem Lebenswege anwenden. Vieles Turnen erhöht die Kraft, und durch das Gefühl der Kraft wächst der Mut und die Bewegungsfreiheit. Man lernt beim Turnen beobachten, Entfernungen schätzen, und vor allen Dingen lernt man die leider s° oft im Leben fehlende Disziplin. Man ordnet sich dem Willen der Kommandierenden vollständig unter. Dieses Unterordnen ist im Gegensatze z" dem im Berufe freiwillig und darun^ gern gewollt. Sogar der Eitelkeit 'rägt das Turnen Rechnung, man wird geschmeidiger und graziöser. Auf Grazie wird gerade beim Frauenturnen viel Wert gelegt. Das bezeugen Jonen die Schauturnen von Frauen- und Mädchenabteilungen. Sie sehen dort "eigen, bei denen Grazie und rythmische Bewegung das Wesentliche ist. Eng" an das Turnen schließen sich die Turnspiele an. Es ist ein herzerfrischender Anblick, die Damen im Turnsaal einander nachjagen zu sehen, und helles Lachen zeigt die Freude, wenn man die Partnerin glücklich gefangen hat. In den Jugendabteilungen werden diese Spiele mit ganz besonderem Vergnügen veranstaltet. Im Sommer werden die Laufspiele und auch andere, wie Ball-, Reifenspiele usw., im Freien ausgeführt. Ein Laufen in frischer Luft ist natürlich dem Körper ganz besonders zuträglich. Dann treten lrr< Sommer noch die Turnfahrten hinzu. Man kehrt der Großstadt mit ihrem perühmten Staub den Rücken, und mit leichtem Sinn wandern die Turnerinnen •ns Freie. Es ertönt das Lied: Wem Gott will rechte Ounst erweisen, den schickt er in die weite Welt! Sie werden das Lied vielleicht mit „alt" und ..abgesungen" bezeichnen; im Munde der wandernden Turnerinnen aber wird!? zum Bekenntnis. Es ist ein großes Verdienst der Turnerei, daß durch die •urnfahrten manches untreue Kind zur Mutter Natur zurückgeführt wird. Mit Leib und Seele sind unsere Turnerinnen bei der Sache. Die Frauenfrage ist in unserem Verein gelöst. Wir brauchen keine »uffragettes, die schreien: „Votes for women!" Wir haben bereits das Stimm- ^cht. Manche schreien trotzdem noch; auch solche gibt es. Ein jedes Z«ai e Vere*"smitglied hat bei uns das aktive und passive Wahlrecht. Es '"W seit Jahren Damen im Vorstande. Den Damen ist also in unserem Verei"e ein unbeschränkter Wirkungskreis gegeben.