Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 4 (4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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74 No. 4 Sie finden es bei jüdischen Frauen sehr oft, daß sie nur mit Menschen ihres engeren Kreises Fühlung haben. Dadurch werden sie engherzig und einseitig. Im Turnsaal aber gibt es nicht arm und reich, nicht gebildet und ungebildet. Wer am besten turnt, ist die Beste, und wer die Uebung am geschicktesten macht, die Tüchtigste. Es ist eine Freude, in einen Turnsaal zu treten und zu sehen, wie alle mit gespannter Aufmerksamkeit auf die Kommandierende sehen. Sie werden alle schon beobachtet haben, wie im Zirkus die Musik plötzlich verstummt, wenn eine ganz besondere Kraft- oder Geschicklichkeitsleistung vor sich geht. So ist es auf dem Turnboden, wenn eine ganz besonders schwierige und gefährliche Uebung ausgeführt wird. Jedes Qeräusch verstummt, und gespannt sehen alle auf die Übende. Neidloser-Beifall lohnt sie, wenn die Übung gelungen ist. Mit welcher Begeisterung turnen auch die Kleinsten unserer Jugendabteilungen! Das jüngste Mitglied unserer Schülerabteilung ist fünf Jahre alt. Einige unter ihnen hatten vielleicht Gelegenheit, beim Chanukafest der Jugend - Abteilungen zu sehen, mit welchem Eifer die Kleinen turnten. Als ich einen Herrn, der unserer Bewegung ganz fern stand und den ich gerade deshalb einmal zu uns eingeladen hatte, fragte, wie ihm das Turnen gefallen habe, erwiderte er: „Mich hat dieser Eifei und die Geschicklichkeit der Kinder geradezu gerührt." Fassen Sie es bitte nicht lächerlich auf. Es ist wirklich etwas Rührendes, zu sehen, wie sehr die Kinder bei der Sache sind. Wenn sie zu turnen beginnen, sind sie ungelenk, die einfachsten Uebungen bereiten ihnen Schwierigkeiten. Das Stillstehen, das Aufpassen, alles ist schwer. Um so größer ist die Freude, wenn diese Schwierigkeiten überwunden sind. Man erlebt die reizendsten Episoden in den Jugend-Abteilungen. Ich will Ihnen nur eine erzählen: Als ich einmal ein kleines Mädchen aus unserer Mädchenabteilung fragte, warum sie an ein paar Turnstunden gefehlt habe, da erwiderte sie ganz schüchtern und verlegen: Ich war ungezogen zu Hause, und wenn Mama mir eine ganz große Strafe geben will, dann erlaubt sie nicht, daß ich turnen gehe. Häufig werden Kinder vom Verein abgemeldet, weil sie zuviel Schularbeiten hätten. Es ist das durchaus falsch von den Eltern. Nicht trotzdem die Kinder viel zu arbeiten haben, sondern gerade weil sie viel zu arbeiten haben, sollen sie turnen. Die Kinder brauchen dann Bewegung und Freiheit. Sie werden viel besser arbeiten können, wenn sie dazwischen den Kopf ausgeruht und ein bißchen umhergetollt haben. Jung sein heißt: stark und kräftig sein. Es wird so oft die Frage gestellt: Warum turnen wir nicht in den allgemeinen Turnvereinen, oder warum sollen wir in jüdischen Turnvereinen turnen? Meine Verehrten! Sie wundern sich nicht, wenn Sie hören, daß die ehemaligen Schüler der Tanzstunde auch gemeinsam, Tennis spielen wollen, oder daß die Norderneyer von 1908 einen Konversationsklub bilden. Da» man einmal im Leben kurze Zeit beisammen war, genügt, um sich zu allen möglichen Betätigungen zusammenzuschließen. Und da sollte nicht genügen, daß wir ein Volk, daß wir eines Stammes sind? Ja, meine verehrten Anwesenden! Das ist ein eisernes Band, das uns zu allen Betätigungen sammenschließen sollte. Man behauptet, daß wir Turner in jüdischen Turnvereinen in einem Gegensatz zu den anderen Turnvereinen stehen. Aber erst neulich ist der Jüdische Turnverein in Zürich in den schweizerischen Eidgenössischen Turnverband aufgenommen worden unter voller Anerkennung seiner nationaljüdischen Tendenz. Der Züricher Turnverein gehört zur Jüdischen Turnerschaft und hält weiter treu zu ihrer Fahne. Die Jüdische ^ur"51/" schaff ist ein Verband nationaljüdischer Turnvereine, zu dem jetzt ungefähr