Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 4 (4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 71 Gefahr sind, einem übermächtigen politischen oder wirtschaftlichen Feinde zu erliegen, teils, weil sie irgendwelche Vorteile oder Erleichterungen zu erringen wünschen, die der Einzelperson oder Qruppe nicht erreichbar sind, sich aneinanderstießen. Die Form der Organisation kann verschieden, der Zusammenhang innerhalb derselben locker oder fest sein, stets resultiert ihre Entstehung aus der Tatsache oder vielmehr aus der Erkenntnis der Tatsache, daß die Gesamtheit gleichgesinnter oder gleichgestellter Existenzen bei einheitlichem Vorgehen mehr erreicht als der einzelne. Beweise hierfür aus dem Wirtschaftsleben, wie Verbände, Verkaufs- und Konsumvereine, heranzuziehen, dürfte sich erübrigen. Der Grundgedanke der Organisation zerfällt also in zwei gleichwichtige Teile; wie aus dem Vorhergesagten hervorging, ist einerseits der Wille maßgebend, die allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern, andererseits der Wunsch, sich eines mächtigen Gegners erfolgreich erwehren zu können. Wir können also rein mechanisch die Organisation in zwei Gruppen gliedern: in Abwehr- und Kampf-Organisationen. Das Prinzip der Organisation ist in jedem Falle zuversichtlich und lebensbejahend; eine jede Organisation legt Zeugnis von dem Lebenswillen und der Kampfesstimmung ihrer Begründer oder auch ihrer Mitglieder resp. der in ihr vertretenen Berufsschichten ab. Aus diesen Gründen vor allem ist es erfreulich zu nennen, daß im modernen Judentum Organisationen entstanden sind, die einerseits — ganz wie wir es oben gesehen haben — Abwehrbestreburigen verfolgen, die sich bemühen, Angriffe auf die jüdische Gesamtheit zu parieren und zurückzuweisen oder die erworbenen Rechte der Juden zu schützen, andererseits aber solche, die, von selbständigen neuen Gedankengängen ausgehend, neuartige, bessere Lebensbedingungen für die jüdischen Massen erstreben und den entschwundenen jüdischen Geist wiederbeleben wollen. Geht einerseits aus dem Vorhandensein dieser Organisationen unweigerlich die Tatsache hervor, daß zum "lindesten ein Teil der heutigen Juden bewußt zum Judentum als einer 'ebendigen Kraft, als einem teuren und unersetzlichen Schatz hält, so ersehen wir auf der andern Seite sogar daraus, daß diese Tätigkeit sich nicht nur 'ediglich auf das Erhalten uralter Güter erstreckt, sondern daß weiter ausgebaut wird und neue Werte im alten Geiste geschaffen werden, daß das Judentum von heute noch produktiv im besten Sinne des Wortes ist. Die •ätigkeit der jüdischen Organisationen ist mit anderen Worten eben nicht nur eine konservierende, sondern gleichzeitig auch eine kreatorische. Wie s'ch von selbst versteht, gereicht die Tätigkeit der bewußt-jüdisch arbeitenden Organisationen nicht nur dem Judentum als der Gesamtheit der Juden mit ihren geistigen Gütern zum Vorteil, sondern sie wirkt auch rein psychologisch betrachtet auf das Einzelindividuum ungemein segensreich ein. Der •Jude, der sich einer solchen Organisation zuerst oft wohl rein mechanisch u"d noch halb uninteressiert angeschlossen hat, wird allmählich durch den regen Pulsschlag des jüdischen Lebens, das sich in jeder größeren bewußt- Jüdischen Organisation naturgemäß konzentriert, seelisch beeinflußt und jüdischen Interessen und Zukunftsarbeiten eher zugänglich gemacht, als derjenige, der draußen im Leben isoliert steht und in keinem irgendwie gearteten Konnex mit dem Judentum und den jüdischen Massen steht. Dieses ist jedoch nicht der einzige Vorteil, den die Organisation dem Judentum gebracht und