Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 2 (2.1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2 23 nur in der Vergangenheit, sondern auch jetzt der Welt ihre großen Wohltäter gaben und geben als Dichter und Denker, als Forscher und Gelehrte. Hierdurch aber verloren wir unsere Freude am eigenen Körper. Wenn der Körper auch nicht, wie in der frühchristlichen Anschauung, zu einem bloßen Gefängnis der Seele wurde, so wurde er doch zu ihrem Sklaven, der kein eigenes Recht hat, keine Daseinsberechtigung für sich, der nur Prämisse, unbedingt notwendige Voraussetzung für Gehirn und Denken war. Aber, wie ich sagte, wir haben es gelernt, daß Körper und Geist nicht zu trennende Einheiten darstellen. Und wie wir den köstlichsten Weih nur dann vermeinen voll und ganz genießen zu können, wenn er uns im edelseformten Pokale und nicht in der elenden irdenen Scherbe gereicht wird, so verlangen wir auch heute von dem feurigen, edlen Geiste den wohl- «epflegten, edlen, widerstandsfähigen Körper. Meine sehr Verehrten' Die jüdischen Turner sind keine Akrobaten. Ihr Ehrgeiz geht nicht dahin, durch Kunststücke der Menge den Atem zu benehmen und sie gaffend zum Staunen bringen, mit den Variötdkünstlern •n Konkurrenz zu treten. Ihr Streben geht dahin, durch eine ebenmäßige Ausbildung des Körpers jene würdige Hülle zu schaffen, die des Geistes wert ist, die der Jude von seinen Ahnen empfangen hat Und dadurch arbeitet die Jüdische Turnerei für das Ansehen und die Ehre des jüdischen Namens. Gar zu lange schon hat unsere arische Mitwelt des Juden gespottet, hat gelacht i'ver sein Aeußeres — ganz mit Unrecht! Denn vereinzelte Karikaturen, und nur um solche handelt es sich, fanden sich Ja bei allen Völkern. — Gar zu lange hat man uns unserer angeblichen Feigheit gespottet, hat gehöhnt über die krummen Beine und schwachen Arme des Juden. Da kommt die jüdische Turnerei auf den Plan, und in wohlerwogener Tätigkeit strebt sie dahin, die Muskeln zu entwickeln, den Brüstkorb zu Reiten und den Gang elastisch zu machen. Und so arbeitet sie in Wahrheit für die Förderung des Ansehens des Judentums, und daher müsseh wir ihr aHen Dank wissen. Außerdem arbeitet sie nach einer zweiten Richtung, und wenn diese auch nicht gar zu oft betont wird, meine Ich, daß diese ihre andere Wirksamkeit für die Zukunft unseres Volkes von ganz besonderem Werte ist. Die Förderung der körperlichen Ausbildung verleiht das Bewußtsein der eigenen Kraft, sie verleiht aber auch die Empfindung und die Erkenntnis, im Kampfe unis Dasein besser gestellt zu sein, eher geeignet, diesen Kampf ums tägliche Brot zu führen, und die Folge davon ist eine erhöhte Lebensfreude; ein erhöhter Lebenswille des Individuums. Nur jenes Volk aber kann leben, das den Willen zum Dasein hat. Und wenn so die jüdische Turnerei den Lebenswillen des Einzelnen fördert, erhöht sie damit die Lebenskraft des ganzen Jüdischen Volkes, die ja aus dem Lebenswillen des einzelnen resultiert. Dieses ist die große Tat, dies die ungeheure Wirksamkeit, die ich in dem Schaffen der jüdischen Turnerel sehe. Wenn seinerzeit die Jüdischen Studenten auf der Aula in hartem Kampfe und oft mit. blutigen Köpfen die Gleichberechtigung forderten, wenn sie dastanden und eintraten für Recht und volle ^'eichstellung, so haben sie damit auch das Märchen von der Jüdischen Feigheit aus der Welt geschafft. Und wenn die jüdische Turnerei heute den Juden heranbildet, wenn sie ihn körperlich heranzieht, dann schafft sie damit