Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 2 (2.1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2 22 Was ist nun diese Harmonie und wie können wir zu derselben gelangen? Solange die frühmittelalterliche Anschauung herrschte, daß der Körper ein Gefängnis der Seele sei, daß sie Eigentum des Dämons wäre und sozusagen des dunkle Prinzip in diesem Mikrokosmos, in dieser kleinen Welt für sich, solange konnten naturgemäß alle Harmonisierungsbestrebungen sich nur auf die Seele richten. Aber ganz abgesehen von der philosophischen Anschauung des Einzelnen, ob er sich nun den Menschen und die Gesamtheit der Welt monistisch oder dualistisch darstellt, d. h. ob er die Gesamtheit der Erscheinungen als etwas Einheitliches oder als etwas nach Seelischem oder Körperlichem Geschiedenes auffaßt, das moderne Denken hat uns gelehrt, daß Körper und Seele untrennbare Einheiten darstellen und daß, um beim früheren Bilde zu bleiben, die Aufgabe nicht dahin gehen könne, das Oefängnis abzuschaffen, sondern vielmehr dahin, dieses Gefängnis so schön wie möglich auszustatten und auszubilden. Und so ergibt sich ja von selbst das Resultat jenes Spruches, den die Römer bereits hatten, vom mens sana in corpore sano, von der gesunden Seele im gesunden Leib, was für uns heute zu einer Selbstverständlichkeit, ja fast zu einem Oemeinplatze geworden ist. Es hieße, meine sehr Verehrten, Eulen nach Athen tragen, wollte ich versuchen, den Wert des Turnens im Einzelnen zu schildern, d. h. jener Bestrebung, die ausgeht auf eine allgemeine und gleichmäßige Ausbildung der körperlichen Fähigkeiten im Gegensatz zur Sportübung, die sich die Pflege einer einzigen Fähigkeit, die Entwicklung einer einzigen Seite des körperlichen Könnens zur Aufgabe gemacht hat. Jeder vernünftige Vater, jede klugoenkende Mutter wird es wohl mit Freude sehen, wenn das Kind mit hochgeröteten Wangen und mit klopfendem Herzen, stolz in der Erkenntnis der gesteigerten eigenen Kräfte und im Bewußtsein, diesen Körper nun selbst nach Wollen dirigieren zu können, ihnen gegenübersteht. So meine ich denn, daß viele Worte nach dieser Richtung zu vertieren, eigentlich überflüssig wäre, und ich möchte vielmehr nur sagen, das, was für alle Menschen B«'** naturgemäß doch auch für uns Juden gelten muß. Denn wir sind Menschen und wollen Vollmenschen sein und nichts Menschliches ist uns fremd. Und doch, meine ich, liegt die Sache bei uns Juden ein ganz klein wenig anders. Um es vorweg zu nehmen: Wir Juden leiden an einer Hypertrophie des Oe- 'ifrns. Seit achtzehn Jahrhunderten von der ursprünglichen heimatlichen Scholle losgerissen, in die Welt hinaus verstreut, sind wir losgelöst von dem heilsamen und befreienden Effekt der steten Verbindung mit dem Boden. Durch mehr als ein Jahrtausend gesperrt in die Enge des Ghettos, angewiesen auf rein städtische Berufe, sind wir nirgends der Natur gegenübergestanden» nirgends in der Lage, mit ihr zu kämpfen, ihr unser Leben abzuringen. Unser Kampf beschränkte sich lediglich darauf, mit dem Gehirn geführt zu werden, auf geistige Arbeit. Dadurch allerdings entwickelte sich bei uns lene außerordentliche und ungeheure Wertschätzung geistiger Qualitäten, die in der modernen Zeit beinahe eine Ueberschätzung von Bildung und Wissen zum Unheile unseres Volkes herbeigeführt hat. Ich möchte nicht mißverstanden sein, ich meine nur, daß wir durch die Ueberschätzung des Wertes dieser einen Seite allzuviel Leute in Berufe hineindrängen, die ihnen eigentlich von Natur aus nicht zukommen. Auf der anderen Seite wiederum wurden wir durch dieses Training des Denkens auch auf Jene Bahnen gedrängt, die nicn