Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 2 (2.1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Südifdie Cumzeirung. HlonaisWirifi für die körperliche ßebung der Süden _Herausgegeben pon der gudlMmi Curnerftaft._ XagQhrg, no. 2 Berlin e /HiSunderstr^ Februar 1911 Nachdruck der nachfolgenden Orieinalaufsltze nur mit |MM*r Quellenangabe gestattet. Warum sind wir jüdische Turner? Von Reichsratsabgeordneten Dr. Arthur M a h 1 e r. (Rede, gehalten im Jüdischen Turnverein Fünfhaus, Wien.) Wer die Bestrebungen der verschiedenen Weltverbesserer von Lykurg und Solon an bis hinauf zu Karl Marx, wer das Streben der verschiedenen Religionsstifter, angefangen von dem uralten ägyptischen KönigAmenophis IV. '"'her Moses, Christus, Mohammed bis hinauf zu den amerikanischen Sektierern unserer Tage verfolgt, und wer versucht, in all diesen disparaten und heterogenen Erscheinungen das ihnen Gemeinsame herauszufinden, wird ernennen, daß sie alle von dem Streben geleitet sind, Harmonie zu schaffen, sei es die Harmonie zwischen den Menschen untereinander, oder die zwischen den Menschen und der Gesamtheit der sie umgebenden Natur, also der Gottheit. Dieses Streben nach Harmonie ist ein tief in der Seele des Menschen ' egründetes, es ist in seinem Innersten tief verankert. Und man kann sagen, daß die griechische Welt die Vollendung dieser Harmonie in der der Sphären gesehen hat. Ihre endgültige Lösung findet sie im goldenen Zeitalter. Wir haben uns gewöhnt, nicht nur die Welt, sondern auch den Einzelttienschen als eine Welt für sich anzusehen, als eine Welt im Kleinen, den Mikrokosmos. Und so scheint es, daß die Harmonie innerhalb dieses Mikrokosmos, innerhalb dieses Einzelindividualismus, gewissermaßen eine notwendige Voraussetzung, eine Prämisse der Weltharmonie überhaupt ist, ohne die diese unerreichbar bleibt. Wer die Harmonisierung des Individuums anstrebt und dahin arbeitet, arbeitet damit nicht nur für das Glück des Einzelnen, sondern er schafft Glück und arbeitet an dem Glücke der Gesamtheit. Dabei möchte ich den Begriff Harmonie nicht etwa wie „Gleichklang" auffassen, was immerhin nur ein unvollkommener Vergleich wäre, als vielmehr einen „Gleichgewichtszustand" nennen, den Gleichgewichtszustand der ■m Innern des Menschen ruhenden Kräfte, der Kräfte des Körpers sowohl, wie der Seele, die Equilibrierung der psychischen und somatischen Eigenschaften. Und so entwickelt sich die Ruhe, die sie im Gefolge hat( aus dem Entgegenstreben von Bewegungen, und darin liegt der wesenhafte Unterschied zwischen dem Denken des Europäers und der Glücksauffassung des 'nders, der das höchste Glück auch in der Ruhe sieht, aber nicht in der aus der Bewegung resultierenden, sondern in der absoluten Nirvana, der rodesruhe. und nicht einmal der Ruhe des Zeitlichen, sondern in der des absoluten Nichtseins.