Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 11 (1910)
- Issue
- 10 (10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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148 No. 10 Wie gestalten wir uns unsere Freiübungen? Von stud. med. David H o 1 s t e i n - J. T. V. Köln. Ein Turnabend ohne Freiübungen ist für uns heute ein Unding. Denn die Erkenntnis von ihrer hohen Bedeutung für die Gesundheit des menschlichen Organismus ist so sehr zum Gemeingut aller Turner geworden, daß wir sie auch nicht an einem Turnabend entbehren möchten, und selbst für viele, die der Turnsache noch ziemlich fremd gegenüberstehen, ist die Ausführung einer Gruppe von Freiübungen, welchem System sie auch angehören mögen, ein tägliches Bedürfnis. Ist doch keine Art von turnerischen Übungen sc geeignet, von alt und jung, Männlein und Weiblein ausgeführt zir werden, wie gerade die Freiübungen, und es ist kein Wunder, daß die Meister der Turnkunst vor jeher bemüht waren, sie auszubauen und interessant zu gestalten. Waren aber einerseits die Freiübungen von Anfang an als wertvoller und unentbehrlicher Faktor im Turnwesen anerkannt, so entwickelten sich andererseits mit ihnen verschiedene Systeme. Deutsche und schwedische Gymnastiker versuchten dem Turnen ganz verschiedene Werte abzugewinnen und standen sich in heftigem Streite gegenüber. Freilich handelte es sich später ausschließlich um den Streit der deutschen Turnmänner. Das deutsche Turnen Jahns hatte nationalen und erzieherischen Charakter, der in dem „Massenturnen", in der einheitlichen Turnsprache mit ihrem kurzen, präzisen Kommando, in den mit Wucht und Energie \on allen zugleich ausgeführten Bewegungen und endlich in der Erzielung von Oehorsam und Disziplin, Mut und Entschlossenheit, sich deutlich kund gab. — Anders das schwedische Turnen^ es hatte fast ausschließlich physiologische Bedeutung. Im Gegensätze zu den deutschen wurden die schwedischen Übungen ruhig und langsaih, bei regelrechter Atmung und Anspannung aller Muskeln ausgeführt. Sie sollten den Körper harmonisch ausbilden, sich mehr für das Frauenturnen eignen. Dagegen hatten sie den Nachteil, daß sie auf die Dauer ermüdend und langweilig wirkten. Diese beiden Turnsysteme, von denen das eine das national-erzieherische, das andere das physiologische Moment betonte, bar^e'! eich hohe Werte in sich und hätten daher gleiche Anerkennung und gleiciizeitige Berücksichtigung verdient. Aber erst die Gegenwart nimmt die richtige Stellung zu ihnen. Man vereinigt sie, und Schulen und Vereine bringen wenn auch langsam, in ihr deutsches Turnen schwedische Gesundheitsübungen. Wer möchte leugnen, daß wir heute, im nervösen Zeitalter, mehr als je neben den energievollen, aufmunternden deutschen Übungen auch der langsamen, nervenberuhigenden Bewegungen bedürfen? Das müssen besonders wir Juden einsehen, und als junge Turner haben wir die beste Gelegenheit, aus dem turnerischen Streite der andern für uns zu lernen. Wir müssen, der rein praktischen Seite unserer jüdischen Turnsache entsprechend, beide Turnarten pflegen. Denn das deutsche Turnen mit seinen nationalerzieherischen Werten ist für uns Juden nicht minder von Bedeutung als das schwedische Turnen mit seinen hygienischen. Erfreulicherweise gehen bereits einige jüdische Vereine mit gutem Beispiele voran, indem sie fleißig auch „schwedisch" üben nach dem Muster und Ratschlage turnerischer und medizinischer Fachleute. Jedoch sind selbst unter den Vorturnern und Turnwarten die schwedischen Übungen vielfach nur wenig bekannt, weshalb es sich wohl verlohnt, über diese und ihre Handhabung einiges zu sagen: