Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 11 (1910)
- Issue
- 7/8 (7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4921092-5965118-5965307--2746-4925555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
104 No. 7/8 Bisweilen nur übertönt lautes Hundegekläff den lustigen Turnergesang und mahnt, in der Nähe menschlicher Siedelungen die Nachtruhe der Dörfler zu schonen. — Endlich ist das Quartier erreicht, und nach einer kleinen Erfrischung lassen wir uns von dem freundlichen Wirt das Lager weisen. Eine zuverlässige Stiege hat uns schnell in die Höhe geführt, wo reichliche Strohmengen unserer warten. Eine kurze Mahnung, kein Streichholz anzuzünden, und wir sind unter uns. Erfahrene Nachtturnfahrer wissen sofort ihre Stiefel — den einzigen wirklichen „Wertgegenstand", den man bei sich führt — in Sicherheit zu bringen. Aber es bleiben noch immer genügend Unerfahrene, die die Munition für die kommenden Schlachten liefern müssen. Des Morgens, wenn die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Fugen des Bretterdaches sendet, wird es immer einige „Vernünftige" geben, die behaupten, geschlafen zu haben. Da ihnen das Gegenteil nicht nachzuweisen ist, muß man ihre Schlaftüchtigkeit bewundern. Die übrigen taten das ihre, um zu zeigen, daß sie so etwas nicht nötig haben. Der Brunnen bietet prächtige, erfrischende Waschgelegenheit. Dem Morgenkaffee, der in die 35 Pfe- Quartiergeld eingeschlossen ist, wird kräftig zugesprochen und mit Aufopferung dafür gesorgt, daß dem Wirt nichts geschenkt bleibt. Um %6 Uhr gehts in rüstigem Marsche weiter. Melodie: „Des Sonntags in der Morgenstund"'. Bald, wenn man sich ein wenig „eingelaufen hat, werden trotz des Widerspruchs einiger Marschordnungsfanatiker die Reihen gelöst und, in kleineren Gruppen marschierend, findet man Zeit, hfl Wechsel mit munterem Gespräch den landschaftlichen Schönheiten seine Aufmerksamkeit zu widmen. Eine verständige Leitung wird nun keineswegs das Marschpensum des Tages so eingerichtet haben, daß nicht für ein munteres Turnspiel oder für improvisierte volkstümliche Übungen Zeit bliebe. Auch wenn ein Waldsee zum Bade lädt, wird man die Einladung nicht ausschlagen. Immerhin bedenke man, daß gerade nach vorhergehendem Marsche eine längere Schwimmstrecke ermüdender wirkt, als viele Kilometer zu Fuß, Eine kleine Gruppe Schwimmtüchtiger wird sich denn auch an eine Uberquerung des Sees wagen und besonders bei klarem Wetter die Beobachtung machen, daß sie die Strecke weit unterschätzt hat. Die übrigen werden nach kurzem Bade die Freuden eines Sonnenbades auskosten. Was sonst noch unternommen wird auf und jenseits der Grenze des Erlaubten, sei hier nicht weiter geschildert; der rechte Abenteurerinstinkt wird da schon den Weg weisen, und der Leiter wird gern ein Auge zudrücken oder gar mittun, wenn er weiß, daß dadurch die Partie um eine neue Denkwürdigkeit bereichert wird. Wenn so der lange Sommertag in frohem Wechsel verflossen, und bis zur Dämmerung ausgekostet, dann wird es nicht ausbleiben, daß der Zug, der einen wieder in das Häusermeer der Stadt entführen soll, nur durch einen unvorhergesehenen Schnellmarsch oder einen kurzen Dauerlauf zu erreichen ist. Dann wird sich's zeigen, wer wirklich bis zum letzten den Strapazen solch einer Parforcetour, deren Anforderungen eben nur einmal Im Jahre an den Turner gestellt werden, gewachsen ist. Auch der peinlichste Teil der Turnfahrt, der komfortable Stehplatz im Eisenbahnwagen, wird mit gutem Humor hingenommen, und wenn man sich abends trennt, hat ein Jeder das frohe Bewußtsein, nicht nur etwas erlebt, sondern auch etwas Tüchtiges geleistet zu haben. Am Montag überzeugt man sich dann, wieviele Unentwegte das Versprechen, trotz der vorhergehenden Strapazen auf dem Turflboden zu erscheinen, gehalten haben.