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Jüdische Turnzeitung · 1910-05-01 · 5/6 (5.1910) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
11 (1910)
Issue
5/6 (5.1910)
Date
1910-05-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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No. 5 6 81 Ferienkolonien und Ferienausflüge. Wenn der Sommer seinen Einzug hält und die Bäume und Sträucher zu grünen beginnen, erfaßt uns ein Sehnen und Verlangen, hinauszuwandern in Gottes freie Natur. Wie weitet sich unsere Brust, wenn wir nach des Tages Las't und Mühen aus der engen, dumpfen Stube hinausgehen in die 'rische, freie Luft! Kraft und Erholung atmen wir, um weiter alle Lasten und Mühen tragen zu können. Wohin reisen Sie in diesem Jahre, hört man jetzt allenthalben. An die See, ins Qebirge. Bescheidene Leute mieten irgendwo 'n einem Vororte eine Sommerwohnung, und noch bescheidenere Leute "lachen ein oder mehrere Male in der Woche Ausflüge. So sucht jeder den Sommer nach Möglichkeit zu seiner Kräftigung und Erholung zu benutzen. Jeder? —. O nein! Die armen Ghettogestalten mit dem vom Packentragen gekrümmten Rücken, mit den schmalen, blassen, müden Gesichtern haben wohl niemals in ihrem Leben eine „freiwillige" Reise gemacht und sind froh, wenn man ihnen irgendwo in der Welt ein Fleckchen gönnt, auf weichem sie ruhig sitzen können. Und wie sehen gar die Kinder dieser Leute aus! Die a,rnen Kleinen, die infolge von Unterernährung in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind, machen mit ihren für ihr Alter oft gar zu ernst dreinschauenden Augen und den schmalen Gesichtchen einen schier unheimlichen Eindruck. Diesen Kleinen einmal Licht und Sonne zu verschaffen, haben sich die Berliner Logen U. O. B. ß. zur Aufgabe gemacht, indem sie Ferienkolonien für jüdische Kinder ins Leben gerufen haben. Wie segenbringend diese Ferien- Kolonien wirken, kann man ermessen, wenn man die Kinder abfahren und Nieder ankommen sieht. Gekräftigt an Leib und Seele kehren die Kleinen zurück und der frische, rosige Hauch auf ihren Gesichtern entlockt auch den tltern ein frohes Lächeln. Für die Gesundheit unseres Volkes sind diese ßrienkolonien von unschätzbarem Werte. Leider aber wissen nur wenige unserer Stammesgenossen diesen Wert zu schätzen. Mit Ausnahme der °Ken sind es nur wenige jüdische Institutionen, — darunter der Jüdische Urnverein Bar Kochba — die die Ferienkolonien unterstützen. Und die judischen Namen, die man sonst bei interkonfessionellen Wohltätigkeiten mdet, sucht man hier vergebens. Daher müssen oft von den vielen Hundere" von Gesuchen — gewiß zum größten Leidwesen der Komiteemitglieder — 8ar zu viele abgewiesen werden. Diesen armen Kleinen, die tagein, tagaus auf dem engen schmutzigen °fe oder auf der staubigen Straße sich selbst überlassen sind, bietet die " ud'sch-nationale Frauenvereinigung" Berlin durch Ferienausflüge wenigstens etwas Erholung. Allwöchentlich ziehen 150—200 Kinder unter Beaufsichtigung einiger Damen lachend und jubelnd in den Wald hinaus, um sich 0rt zu tummeln und zu spielen. Nachmittags wird ihnen Kaffee und Kuchen verabreicht und abends werden lange Tafeln gedeckt, auf welchen Butterrote, Käse, Eier und Milch steht. Wie herzerquickend ist es, die kleine esellschaft essen zu sehen. Die frische Luft und das Spielen im Freien gibt nen guten Appetit. Wie röten sich die schmalen, blassen Wangen und wie Manzen die Augen wieder in Lust und Freude. Aber nicht nur sozial, sondern auch erzieherisch sind diese Ausflüge. es was im Judentum schön, gut und erhaben ist, wird den Kindern erzählt.

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