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Jüdische Turnzeitung · 1910-05-01 · 5/6 (5.1910) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
11 (1910)
Issue
5/6 (5.1910)
Date
1910-05-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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80 No. 5 6 gleiten in langsamen Etappen aus dem Judentum heraus. An ihnen werden alle Bemühungen, sie zu einer national-jüdischen Tätigkeit zu veranlassen, wirkungslos abprallen. Nur diejenigen Elemente, welche noch jüdisches Interesse besitzen, werden in jüdische Turnvereine eintreten. Ihrer sozialen Schichtung nach weisen die Mitglieder jüdischer Turnvereine sehr wenig wohlhabende, im besten Falle eine größere Anzahl mäßig bemittelte und meist in der Mehrzahl unbemittelte Elemente auf. Was für die zionistische Bewegung gilt, gilt auch hierin für die jüdische Turnbewegung. Auch die Unterschiede in der Bildung sind teilweise sehr beträchtliche. Die Leitung ruht aus diesem Grunde fast stets in der Hand von Akademikern. Die Verschiedenartigkeit von Bildung und Besitz bedingt natürlich verschiedene Auffassungen über wichtige Lebensfragen, über gesellschaftliche Formen usw. Hand in Hand damit pflegt sich innerhalb der Vereine ein Zusammenschluß gleichartiger oder sich als gleichwertig betrachtender Elemente zu vollziehen, die Bildung von Freundeskreisen oder von „Kliquen"'. Hierdurch ergeben sich wiederum Reibungsprozesse, die zum Teil von selbst entstehen, zum Teil auch von außen hineingetragen werden. Die in kleinen Städten gerade unter den Juden herrschende Abstufung i» „allerfeinste", „feinste", „ieine" usw. Familien bringt es mit sich, daß dieser jämmerliche Kastengeist auch in die Reihen der Vereine getragen wird, niemals zum Nutzen derselben. Es wäre töricht, die einmal gegebenen Unterschiede wegleugnen zu wollen. Arm und reich, höhere und einfachere Bildung lassen sich nicht ohne weiteres unter denselben Hut stülpen. Es ist eine zwingende Notwendigkeit, daß die Wohlhabenden und Gebildeten sich zu der Einsicht bekennen, die ihnen gegebenen Vorzüge den anderen Vereinsmitgliedern so weit als möglich zu übermitteln. Damit wäre auch vom rein menschlichen Standpunkte aus viel gewonnen. Auch ohne besondere Anleitung pflegt tätige Anteilnahme besonders in gesellschaftlicher Beziehung ihre Wirkung zu tun. Wohl ist es nicht jedem gegeben, eine Art Erzieherrolle zu spielen. Es mag ihm bequemer i'nd angenehmer sein, mit möglichst gleichwertigen Genossen zusammenzuarbeiten, ganz zu schweigen von persönlichen Zuneigungen oder Abneigungen- Alle, die es angeht, müssen sich die Grenze bis hierher klarmachen. Hier muß das einsetzen, was wir als höheres Interesse zu bezeichnen haben, die Begeisterung für die Idee. Wer wirklich die Ziele der jüdischen Turtibewegung im Auge behält und gewillt ist an ihrer Erreichung mitzuarbeiten, muß sich einfügen in die gegebenen Verhältnisse um der großen Sache will«"- Aber auch umgekehrt! Die große Masse, der gegeben wird, muß verständig genug sein, andere Arbeit, andere Anschauungen, die auf höherer Erziehung und Bildung beruhen, nicht ohne weiteres als undemokratiscli zu verurteilen, wenn sie ihr entgegentreten. Ganz besonders aber müssen die Vorstände der Vereine bemüht sein, ihren Aufgaben im Sinne des Ausgleiches der sozialen Unterschiede gerecht zu werden. Wir können sicher sein, daß unsere Bewegung infolge der ihr innewohnenden Spannkraft weitere Fortschritte machen wird. Gelingt es uns, die Erkenntnis von der Notwendigkeit gemeinsamer Arbeit unter ßeiseitesetzung unseres lieben Ichs, zum selbstverständlichen Gemeingut aller zu machen, so haben wir iiir immer gewonnen. TheobaldScholem.

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