Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 11 (1910)
- Issue
- 5/6 (5.1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt>. 5 6 79 Bei den großen demokratischen Völkern ist die Lösung eine leichtere als bei denen, die konservativer geartet sind. Die iranzösische, schweizerische und italienische Turnerschait erfreuen sich der Gunst aller Volksschichten, bei den polnischen Sokois ist dies z. B. in ganz besonderem Maße der Fall. In der deutschen Turnerschaft machen sich große Unterschiede bemerkbar, die jedoch in geschickter Weise verdeckt werden, so daß sie dem gesamten Verbände nicht zu viel Schaden zufügen können. Der Arheiter-Turnerbund mit seinen fast 100 000 Mitgliedern ist jedoch ein Zeichen dafür, daß es nicht möglich war. die sozialen und politischen Unterschiede auszugleichen. Für das Deutschtum bedeutet diese Absplitterung keinen Schaden, denn der Arbeiterturnerbund ist auch ohne seinen Willen deutschnational und erst recht demokratisch. Im allgemeinen kann man den Grundsatz aufstellen, daß Turnvereine aus nationalen Minoritäten innerlich gefestigter sind als solche aus Majoritäten, denn der äußere Druck führt mit Naturnotwendigkeit zu einem Zusammenhalt. Wie ist es nun in unseren jüdischen Turnvereinen? Ihre Begründer waren zum großen Teil Akademiker — und recht junge Akademiker. Das zionistische Ideal wies ihnen den Weg. Sie suchten ein Feld positiver Betätigung im reinen national-jüdischen Sinne. Sie wußten, daß es viele Juden sab, die in anderen Verbänden turnten. Ihr Ziel war aber, allen Juden ohne Unterschied von Ost und West das Turnen als gemeinsame nationale Sache z» bringen. Damit war die Grundlage der nunmehr ins Leben gerufenen jüdischen Turnvereine ohne weiteres eine nationale und demokratische. Es entstanden wohl auch eine Anzahl Vereine, die mit ihrer Existenz dem Antisemitismus der anderen völkischen Verbände aus dem Wege gehen wollten und die sich daher ihrer nationalen Aufgaben nicht bewußt waren oder »■cht bewußt sein wollten. Die kurze Geschichte der Jüdischen Turnerschaft hat aber bereits gezeigt, daß diese Vereine entweder eingingen oder sich nur kümmerlich erhielten ohne Fortschritte machen zu können. Die Schwierigkeiten liegen hauptsächlich darin, daß auch auf breitester demokratischer Grundlage jüdische Turnvereine ohne ein hohes Ziel, ein wirkliche* 'deal, das einen steten Ansporn auch in trüben Tagen bedeutet, nicht bestehen können. Die Zusammensetzung der meisten jüdischen Turnvereine ist eine recht verschiedenartige, in den Ländern Osteuropas anders, als in Westeuropa, rast ausnahmslos stehen ihnen die Kreise iern, die wir als assimilatorische zu bezeichnen pflegen. Alle diejenigen, die „noch" Juden sind und für sich "nd die ihrigen Anspruch darauf machen kraft ihres Vermögens, ihrer Bildung oder ihrer sozialen Stellung, unter Beugung jüdischen Selbstbewußtseins, ein Herz und eine Seele zu werden mit den großen Volksstämmen, unter denen sie leben. In Osteuropa weiß wenigstens jeder Jude, daß er '"'cht nur „jüdischen Glaubens" ist. In Westeuropa täuschen sich die meisten darüber hinweg und glauben diese Täuschung auch ihren Mitbürgern beibringen zu können. In ihnen wohnen zwei Seelen. Die eine, welche sie an den Feiertagen, im Kreise ihrer Familie und auf dem Friedhofe fühlen, die judische, und die andere, die lockend an ihre Tür klopft und zu ihnen spricht: Laßt fahren dahin, was jüdisch ist, hinter euch liegt die Vergangenheit, tretet e|n in die große Gemeinschaft der anderen Völker. Diese „Noch"rJuden