Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 11 (1910)
- Issue
- 5/6 (5.1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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78 No. 5 6 eine Riege vorführen zu können, die sich überall sehen lassen kann, Ich fühle mich hier wie ein Vereinsbruder. Die Herren sind sehr zuvorkommend: sie bieten alles auf, um mir das Leben angenehm zu machen. Sie haben mir eine prächtige Wohnung besorgt. Einmal wöchentlich bin ich in einem Vorort, wo ich auf Vereinskosten in einem Hotel übernachte, um am Morsen per Schiff durch den Bosporus zurückzukehren. Das ist immer eine herrliche Fahrt, denn das Ufer von Kleinasien sieht etwas anders aus, als das des Wannsees. Vorläufig bereue ich es nicht, hierhergekommen zu sein. Hoffentlich kann ich Ihnen dies auch in allen anderen Briefen bestätigen. Julius Hirsch. Die demokratische Grundlage der jüdischen Turnvereine. Das Vereinsturnen ist geboren aus nationaler Not. Als es noch kein einiges Deutschland gab, waren die deutschen Turnvereine die begeisterten Stützen des Einheitsgedankens, als das Reich geschaffen war. bildeten sie eine der stärksten Organisationen zur Haltung des neuen Gebäudes auf deutschnationaler Grundlage. Der Wert des Turnens als Mittel zur Erhaltung und Ertüchtigung ist von fast allen Völkern und Volksstämmen bedingungslos anerkannt worden. Wo eine Turnerschaft nicht aus der Mitte des Volkes entstand, wurde sie von oben, von der Regierung des Landes (.der den Leitern der nationalen Kräfte eines "Volksstammes ins Leben gerufen. So z. B. in Frankreich, in Italien und neuerdings in Japan. Auf breitester Grundlage soll in den Turnvereinen, ähnlich wie in Krieger- und Schützenvereinen, eine möglichst große Masse mit gleich gerichteten nationalen Zielen gesammelt werden. Es ist selbstverständlich, daß sich diese Vereinsbildungen bei großen, fest zusammenhängenden Völkern, zumal wenn sie gleichzeitig im Besitze der Staatsgewalt waren, viel leichter vollzogen, als bei den Minoritäten. Am schwierigsten war es bei uns Juden. — und dies ebenfalls naturgemäß- Jüdisch-national war und ist noch immer Vielen ein gruseliges Wort. Warum? ist auch in unseren Reihen so oft erörtert worden, daß es hier genügt die Tatsache anzuführen. Im Vereinsturnen steckt aber noch ein anderer Kern, außer dem nationalen, nämlich der demokratische. Der ganze Aufbau, die Einteilung i" Riegen, die Wahl der Vorturner und Turnwarte, die Stellung der Mitglieder, sofern sie aktiv sind, unter sich, vollzieht sich nach dem Grundsatze der Gleichheit. Gleiches Gewand, gleiche Uebung. gleiche Ausführung, gleiche Anerkennung ohne Unterschied der Person bilden das Kennzeichen erstrebenswerter, gleichmäßiger, turnerischer Tätigkeit. Gesellige Zusammenkünfte, Turnspiele, Turnfahrten führen die einzelnen Mitglieder eng zusammen und leiten von der rein turnerischen Arbeit zu einem geselligen Verhältnis hinüber, in welchem die Wechselwirkung der Unterschiede in der Bildung, der Lebensstellung, der Erziehung, der Denkweise, sich zu zeigen beginnen. Das führt zur Frage: Sind nationaler Sinn und demokratische Gestaltung kraftvoll" genug, diese Unterschiede so zu formen, daß sie das gemeinsame Ziel nicht stören können?