Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 11 (1910)
- Issue
- 5/6 (5.1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5/6 75 Es ist erstaunlich, zu welchen üblen Gewohnheiten der Mangel an Idealen führen kann. Anstatt der nächtlichen Ruhe zu pflegen, um am nächsten Morgen die Gedanken beisammen zu haben, anstatt an freien Tagen schon in den ersten Morgenstunden draussen in der Natur zu sein, sitzt selbst mancher unserer Freunde bis tief in die Nacht hinein in Lokalen, in einer Luft, die man durchschlagen kann, mit einem Konzert, das man treffend Kaffeehausmusik genannt hat und an Spieltischen, denen jeder Turner verständnislos gegenüber stehen sollte. Im vorgerückten Stadium der Kaffeebauskrankheit befinden sich die, denen der Sonntagnachmittag als die geeignete Zeit erscheint, im Kreise von Gesinnungsgenossen an den eben bezeichneten Orten eigenartige Erholung suchen. Wir verurteilten oft die Kneipen der deutschen Turner, die ihnen die kaum erturnte Kraft bereits nach einer Stunde wieder entzogen und denen die junge Enthaltsamkeitsbewegung nun einen Damm gesetzt hat, sind jedoch gegen das Kaffeehausunwesen umso nachsichtiger. Hiergegen muss der Kampf energisch aufgenommen werden! Es muss hier einmal ausgesprochen werden, dass die geringe Beteiligung an den Turnfahrten zu einem erheblichen Teil auf jene nächtlichen Sitzungen zurückzuführen ist. Dem Schreiber dieser Zeilen ist es zu wiederholten Malen passiert, dass er auf dem Wege zum Sammelpunkt der Turnfabrer wohlbekannten bleichen Gestalten begegnete, die mit der Morgensonne nach Hause schlichen. Hier gilt es einzugreifen! An der Wanderlust erkennt man zu allererst den turnerischen Geist eines Vereins. Von Jahr zu Jahr,' je höher die Häusermauern steigen und je weiter die Städte ihre p°lypenarme recken, wächst die Wanderlust der deutschen Jugend. 1° unsern Kreisen aber herrschen noch immer die alten staubigen Ansichten, die das Wort „Gojim nacbes" gemünzt haben. Der Tourist ist der Todfeind des Kaffeehausjuden. Wir wollen, dass auf <jer Wanderung die Unternehmungslust reifen, dass unsere Jungen Leute die erschlaffende Genusssucht des Städters ablegen und jene erfrischende Rauheit heimbringen, deren sie im modernen Lebenskampf bedürfen. Das frohe Bewusstsein, etwas Tüchtiges geleistet zu haben, die Erinnerung an das primitive Nachtlager, die durch Schwimmen und Wetüäufe ausgefüllten Marschpausen, der Naturgenuss im seligen Vergessen de» Alltag», sie geben den Turnern Schaffensfreude in persönlichen und Regsamkeit in Semeinsamen Dingen. Fange ein jeder bei sich selbst an! Erich Burin.