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Jüdische Turnzeitung · 1910-05-01 · 5/6 (5.1910) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
11 (1910)
Issue
5/6 (5.1910)
Date
1910-05-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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74 No 5 6 fast eher als gehen und die Flinte ist ihnen jungvertraut. Büblein sah ich jauchzend durch die Gassen galoppieren, die sich nur mit den nackten runden Beinchen am Halse des Pferdes hielten —■ und schon gibt es einige Wildfänge, die selbst den stolzen Beduinen der Wüste als ihresgleichen gelten, solche Reiter und Schützen sind sie! Was tut es, wenn einmal einer aus diesem Geschlecht der arabischen Blutrache als Opfer fällt? Das ist Grenzerleben! Die andern werden nur um so wehrhafter. Und was braucht die Rasse mehr als Wehrhaftigkeit? In jedem Hause, das ich betrat, hängt Theodor Herzls Bild. Er ist der ungekrönte König dieses werdenden Jungvolkes, dem er den Willen zum Werden gab, für das er starb, und dem er doch weiterlebt: als Erzieher zum Volkstum und Vorbild einer starken und schönen Persönlichkeit. Viele bunte, duftende Blumen wachsen auf Galiläas grünen Hügeln, die schönsten auf dem Grabe des Unvergessenen, Unverlorenen. Das Kaffeehausjudentum. Während der normale Mensch den dritten Teil seines Lebens schläft, nachdem er lß Stunden des Tages der Arbeit und der körperlichen und geistigen Pflege gewidmet hat, sitzt der Kafteehausjude, würde man Stunden zu Tage und Tage zu Wochen reihen, viele Jahre seines Erdendaseins im Kaffeehause. Einen kostbaren Teil seines Lebens verbringt er so, dass seinem Körper der deutliche Stempel nächtlicher Sitzungen aufgedrückt wird und zwar in einer Umgebung, welche diejenigen Anschauungen über Lebensweise im allgemeinen und jüdische Angelegenheiten im besonderen schafft und bildet, die man als „Kaffeehausjudentum" zusammenzufassen gewöhnt ist. Diese Tatsache, die uns eigentlich nur insofern angehen sollte, als sie der beklagenswerten Erscheinung der Neurasthenie im Judentum immer neue Opfer zuführt und im Gegensatz hierzu die Erziehungsmethode der jüdischen Turnerei als wirksamstes Heilmittel ins rechte Licht rückt, trifft jedoch uns selbst im erheblichen Masse: auch in unsern Reihen ist die Kaffeehauskrankheit weit über Einzelfälle hinaus verbreitet. Wir, die wir vorbildlich auf die jüdische Jugend wirken und ihr die Ideale einer neuen, naturgemässen, echt jüdischen Lebensauffassung vermitteln sollten, müssen beschämt vor unserer eigenen Tür kehren.

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