Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 11 (1910)
- Issue
- 2 (2.1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2 25 ein Überangebot von Arbeitskräften verursacht und auf die Löhne drückend wirkt. Trotzdem die Maschine Arbeiter freisetzen sollte, sehen wir aber gerade in allen Industriebezirken ein starkes Anwachsen der Arbeiterschaft. Jenes Überangebot an Arbeitskräften, die „Reservearmee", mußte also von anderswoher kommen. In der Tat strömt sie auch in ständigem Flusse vom Lande her zu. Also nicht die Maschine setzt die Menschen frei, sondern das platte Land. Welches Land das ist, lehrt der Augenschein ebenso wie die Statistik und die Geschichte. Diese drei Eideshelfer sagen uns, daß die größte Abwendung dort stattfindet, wo der meiste Q r o ß grundbesitz vorhanden ist. Wir stehen vor der merkwürdigen Tatsache, daß die am dichtesten bevölkerten Landesteile — die Städte voran — die meisten Menschen ansaugen, die Teile mit dünner und dünnster Bevölkerung, das sind die Gebiete des Großgrundbesitzes, die meisten Menschen abgeben. Der Großgrundbesitz zahlt die niedrigsten Löhne, dort ist auch die Lebenshaltung der Arbeiter die schlechteste. Zu «lesen materiellen Punkten tritt noch der ideelle, daß sich dem Arbeiter keine Möglichkeit bietet, auf einer Scholle selbständig zu Verden, weil der verfügbare Boden ja von wenigen Händen fest- Sehalten wird. Aus allen diesen Gründen flutet die Arbeiterschaft der großen Grundbesitzer — es ist fast selbstverständlich — von den gellen des höchsten wirtschaftlichen Drucks zu denen geringeren Brucks. So erklärt sich das fortwährende Zuströmen in die industrielen Bezirke hinein, wo diese sich ständig neu rekrutierende Reserarmee dann die Löhne und das ganze Niveau der eingclebten Bevölkerung herabdrückt, von andern unangenehmen Begleiterscheinungen, wie dem überstürzten Anschwellen der städtischen Bodenrente?-u schweigen. Im Gegensatz hierzu stehen die Landesteile, wo Bauern auf Mittleren und kleineren Gütern sitzen. Diese Gebiete wachsen an Einwohnerzahl, die Leute kommen vorwärts und bilden einen gesunden "nd kaufkräftigen Abnehmerstamm für Industrieerzeugnisse, während iie! Gegenden des Großgrundbesitzes die geringsten Bedürfnisse haben und die schlechtesten Kunden sind. Gelänge es, den Landarbeiter auf dem Lande festzuhalten, indem nan ihm ein besseres Auskommen gewährleistet, so wäre das noch anderer Hinsicht von großem Einfluß auf die Industriearbeiter. Hätte .^f^^darbeiter nämlich ein Jahreseinkommen von — sagen wir — ' . dann brauchte auch kein industrieller Arbeiter mehr zu einem p "ng.ereu Lohnsatz zu arbeiten, denn sonst würde der umgekehrte a» eintreten: eine allgemeine Industrieflucht, j. Wenn man die Entlohnung der am schlechtesten gestellten »Masse hebt, dann beeinflußt man damit die ganze Skala der darüber- .!£ge"den Löhne. Gibt es kein Landproletariat mehr, dann gibt es «oerhaupt kein Proletariat. Die Wurzel der sozialen Frage ist die °de"frage, und mit der ganzen Gewalt seiner Überzeugungskraft ... Oppenheimer: „Die soziale Frage ist nur vom Lande her zu losen!"