Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 10 (1909)
- Issue
- 12 (12.1909)
- Date
- 1909-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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219 unterordnete diesem höchsten Interesse, hier helfend mitzuarbeiten. Das ist so ganz leicht bei uns nicht zu verstehen. Bei uns in Westeuropa, die wir heute die Verwalter, die Buchführer der nationaljüdischen Bewegung geworden sind, weiß man wenig von dem, was die eigentliche Triebkraft und den Kern dieser Bewegung ausmacht. Uns allen ist der Zusammenschluß der Juden als Volk eigentlich nur eine reaktive Bewegung, etwas, was in uns emporgekommen ist, als wir uns auflehnten gegen das Unrecht, das uns getan wurde. Wenn man uns getreten hat, haben wir, die wir heute Nationaljuden sind, uns aufgebäumt dagegen, und haben uns dann erst in der Reaktion zusammengeschlossen zu Verbänden, die nach unserer logischen Überlegung und nach unseren Erfahrungen im praktischen Leben widerstandsfähiger machen gegen diese Angriffe von außen. Und so wissen wir eigentlich von den ursprünglichsten und daher wertvollsten Motiven des Zionismus oder des nationalen Wiedererwachens der Juden aus eigenster Erfahrung herzlich wenig. Wir haben so gar kein rechtes Verständnis dafür; wir leben in einer Umgebung, in der wir groß geworden sind, und der wir sehr, sehr viel verdanken, und sind eigentlich nicht imstande, zu verstehen, wie man in unserem nichtiüdischen Kultunnilieu in allererster Linie Jude sein kann. Wir haben die eigentliche Kontinuität mit dem Jude-sein meistenteils verloren und versuchen sie erst wiederzugewinnen, wenn wir, reifer geworden, verstandesgemäß an die Judenfrage herantreten und an die Aufgaben, die sie für uns in sich birgt. — Georg Arndt war einer der wenigen, der finzige, der mir in Deutschland überhaupt unter den jungen Nationaljuden bekannt geworden ist, bei dem der Gang der Entwicklung umgekehrt verlief. Das Gefühl, daß er Jude sei, war bei ihm immer das Primäre, es bedurfte keinerlei äußerer Faktoren, um diese Gewißheit als selbstverständliche Voraussetzung zu erhalten. Dabei war er ein Mensch — das mag die ganze Bedeutung dieser Tatsache beleuchten — der mehr als viele andere in den Kultureinflüssen seiner Umgebunc: drinstand, aus ihnen seine Wurzeln und seine Kräfte zog, den weiterhin kein Band religiöser Tradition beim Judentum hielt. Und trotzdem war er in erster Linie Jude; das heißt die ganze Mögichkeit der Vervollkommnung und Erfüllung dessen, was an menschiK-hen Kulturwünschen in ihm ruhte, schien ihm für den Juden nur Kegeben, wenn er zuerst seines Jude-Seins sich bewußt ist; erst dann hat er den Boden gefunden, auf dem irgendeine wahrhafte Entwicklung möglich ist. Das ist etwas ganz Seltenes unter den westlichen Nationaliuden, daß einer imstande wäre, von vornherein sich zu sagen: den Wert der Kultur der Umgebung sehe ich ein, aber ihre eigentliche Blüte kann sie in mir erst tragen, wenn ich wirklich Jude bin. Das ist das Große, Überzeugende in seiner Art, das die lahmen Verstandesmenschen aufzurütteln vermochte und das macht seinen Verlust so unersetzlich für unser Volk. Er hat in seinen jungen Jahren bei der immer intimeren Art, mit der sein Erleben hier sich einspann, gerade auf diesem Gebiete wenig Gelegenheit gehabt, in der Öffentlichkeit zu wirken. Nur in Jer