Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 10 (1909)
- Issue
- 10/11 (10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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194 No. 10/11 Eine meiner vielen Erinnerungen führt zu einer dreitägigen Übung im Holzfällen im Urwaldsumpfe. Leider konnten die uns umgebenden Wagen, Pferde und gefällten Baumstämme nicht mit auf das Bild*). Um nicht zu versinken, mußten wir Äste und Bäumchen hauen und darauf vorwärts dringen und die gefällten Baumstämme darüber hin ins Freie tragen. Trotz bester Anleitung versanken zwei Mann im Sumpfe und wurden so durchnäßt, daß sie noch am Abend beim meilenlangen Nachhausefahren sich ab und zu die hohen Stiefel ausziehen und das darin angesammelte Wasser ausgießen konnten. Sonst kamen noch ein paar Verletzungen durch die scharfen Äste vor, aber krank wurde niemand. Milch, Wasser und reichlichen Vorrat bekamen wir von Fräulein Cantor reichlich mit, und Tee kochten wir uns, indem an einem Bratspieß ein Teekessel mit Wasser von einem Feuer ganz eingefüllt war. Da niemand ganz bestimmt Bescheid wußte, wie man den Tee am besten braute, stimmten wir ab und es wurde beschlossen, die Teeblätter ins kalte Wasser im Kessel zu tun, und das ganze zu kochen. Was ich bekam, sah dann schwarz wie Tinte aus und enthielt viele Teeblätter, schmeckte aber unter den Verhältnissen ausgezeichnet. Im Winter war der Lehrplan zum weitaus größten Teil theoretisch. Da ganz rücksichtslos jeder entlassen wurde, der entweder mit den wissenschaftlichen Forderungen nicht mitkam oder durch Ängstlichkeit mit den feurigen Pferden usw. umzugehen nicht zu dem Berufe geeignet erschien, waren wir zum Schluß nur ein kleines Häuflein, von denen ein jeder nach Verlassen der Schule seinen Mann stehen konnte. Leider sind einige davon, durch zu große Strapazen entmutigt, wieder zu ihrem alten Berufe zurückgekehrt, manche hingegen haben es inzwischen schon zu höheren Stellen auf Qütern, einige zu Farmbesitzern gebracht. Der Qeist der Schüler war kameradschaftlich; mehr als einmal habe ich sie sich für irgendeinen Kameraden zu irgendeinem guten Zweck zusammentun sehen. Habe ich auch den von Berlin aus gewöhnten nationa'- jüdischen Qeist oft sehr vermißt, so habe ich sie im ganzen doch lieb gewonnen. Tempora mutantur, auch der Qeist des Direktors mag sich mit der Zeit dem Nationaljudentum mehr zuwenden oder die Strömung unter den Jungen in einem anderen Jahrgang zufällig nationaljüdisch sein. Jedenfalls hörte ich, daß unter den jetzigen Schülern einige Zionisten seien, die die Landwirtschaft erlernen, um sie dann in Palästina praktisch zu verwerten. Ihnen ein Hedad! Einzelwille und Disziplin. Von E. Bassfreund -Berlin. Jedermann ist bestrebt, in allen seinen Handlungen sich möglichst un^ abhängig zu machen von den Hemmungen, welche seinem Willen durch Willen eines anderen entgegengestellt werden. j,t Die Entwickelung des Menschen ist, nur den reinen Willen in gezogen, eine Machtfrage. Wer den stärkeren Willen hat, hat aucn *) Der Verfasser sandte uns mehrere ausgezeichnete photographl»cne Aufnahmen. D. Red.