Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 12 (12.1908)
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 215 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4921092-5965115-5965284--2319-4925144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 12 215 den Sitten und Gesetzen der herrschenden Nation anzubequemen. Das Volk, das keinen Begriff von der wahren Freiheit einer Nation hatte, sah es täglich, das diese Aristokraten umso höher stiegen, je mehr sie sich vom historischen Judentume entfernten; und so war es nur natürlich, dass sie bewusst [und unbewusst sich in diese Bahn zur Assimilation an das Griechentum drängen Hessen. Es wäre dies begreiflicher, ja verzeihlicher gewesen zu einer Zeit wie der perikleischen, wo das Hellenentum trotz mancher Fehler und Schwächen doch einen idealen Gehalt hatte, der imstande war, ein Volk zu adeln. Aber der Grieche jener Jahrhunderte war um nichts besser, in mancher Beziehung sogar um vieles schlechter, als etwa der moderne Spanier oder Russe. So war es denn kein Wunder, sondern nur der natürliche Lauf der Dinge, wenn der Jude bei seinen Assimilationsbestrebungen viel weniger den geistigen Gehalt des Hellenismus sich aneignete, als vielmehr sich mit einem Firniss griechischen Geschmacks und europäischer Bildung begnügte, dagegen alle Untugenden seiner entarteten Umgebung mit staunenswerter Schnelligkeit annahm. Die griechische Sinnlosigkeit, die besonders in den grossen Städten ihre Orgien feierte, von der aber auch vielfach die Landbevölkerung infiziert war, vergiftete in erster Linie die Jugend der vornehmen Kreise in den grossen Städten, die sich am ehesten und eifrigsten den neuen »Idealen" hingab. Unter dem Namen der griechischen Kultur wurde ausgereutet, was in diesen Schichten der Bevölkerung von Jüdischer Familienreinheit existierte. Zwar schloss sich eine kleine Schar zusammen, die mit Schaudern sah, wohin dieses Leben führen musste, und sie betonte umso eifriger jene nationalen formen, welchen der Glaube eine religiöse Weihe verliehen hatte, aber die Zahl dieser Frommen war gering, weil sie in einseitiger Abwehr nicht das ganze Volkstum, sondern nur die Religion mit ihrem Mystizismus und ihrem ausgeprägtesten Formalismus betonten. Die grosse Masse des Volkes, die sich zwar scheute, das Judentum gänzlich abzustreifen, jener grosse Mittelstand, der in allen Krisen der jüdischen Geschichte sich in der schlimmsten Not aus seiner Lethargie und Bequemlichkeit aufrütteln Hess, hatte kein Bewusstsein seiner Bestimmung, weil ihm kein festes nationales Ziel vorschwebte, weil er nicht ständig daran denken wollte und konnte, dass das Judentum eine Zukunft haben müsste. Am meisten neigte dieser Mittelstand noch zu den Griechlingen, wenn er auch nur langsam den Verschmelzungsprozess mit seiner nicht-