Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 10 (10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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196 No. 10/11 wäre notwendig, eine, ftiskussion darüber zu führen, und dazu sind natürlich in erster Linie die Vorturner da. Ich erachte es für eine Aufgabe von hervorragender nationaler und turnerischer Bedeutung für unsere Vorturner, in Erwägungen über diese Frage einzutreten, Material für dieses Qebiet zu sammeln und die Entscheidung anzubahnen. Es ist dies wahrlich keine leichte Aufgabe. Sie verlangt nicht nur die absolute Beharrschung der ganzen Turn-, theorie, sondern auch die genaue Kenntnis der körperlichen und seelischen Eigenarten des jüdischen Stammes. Es ist eine Frage für unsere Ärzte und Volkserforscher, eine Frage, die wahrscheinlich erst durch die Praxis gelöst werden wird. Bisher hat man sich mit der Frage nicht beschäftigt, und doch rührt vielleicht der kleine Anfeil der Juden am Turnen, sei es in jüdischen, sei es in deutschen Vereinen, darauf, dass die Art dieses Turnens den Juden nicht entspricht, ihm unbewusst fremd ist. Man hat zwar versucht, den verhältnismässig geringen Anteil der Juden am Turnen mit der Geschichte ihrer Unterdrückung und ihrer Vorliebe für geistige Arbeit zu erklären, und es ist nioht zu leugnen, dass darin die Hauptgründe zu suchen sind. Aber heute wäre doch schliesslich kein Ürund mehr dafür Vorhände«, dass die Juden, wenn sie auch night in deutsche Turnvereine gehen wollen oder können, nicht in jüdische gehen. Und doch gieschieht dies so. überaus wenig. Vielleicht, wenn man einmal die Anlagen des Juden mit der Art, wie er heute gezwungen ist, zu turnen, in Gegenüberstellung bringt, entdeckt man doch, dass es da einige Punkte gibt, die geeignet sind, dem Juden das Turnen zu verleiden.. Nehmen Sie z. B. die Frage der Erziehung zur Disziplin. Zweifellos ist der Jude nicht sehr geneigt, seinen Willen einem andern unterzuordnen. Und wenn auch die Disziplin in unsern Reihen im grossen und ganzen nicht schlechter ist, als die in deutschen Turnvereinen, so haben wir doch entschieden mehr Mühe aufzuwenden, um unsere Mitglieder dazu zu erziehen. Ich finde den Grund für die Abneigung des Juden gegen die turnerische Disziplin in seinem stark entwickelten Persönlichkeitsgefühl, seinem Individualitätsbewusstsein. Er denkt nach über das, was er tut, oder tun soll, er ist geneigt, einen Befehl zu kritisieren. Das willenlose Gehorchen ist ihm fremd. Und es ist kein Grund vorhanden, ihr darum zu tadeln. Seien wir froh, dass es so ist. Andererseits aber entsteht jetzt die Frage, was müssen wir tun, um ihm die Disziplin beizubringen, die er um so nötiger hat, als er in seiner Verstreutheit nur durch die Masse, den einheitlichen Willen der Masse, wirken oder sich erhalten kann. Und da bleibt uns offenbar nichts anderes übrig, als die Erziehung zur Disziplin eben dieser Abneigung des Juden gegen bedingungslose Unterordnung anzupassen .Mit anderen Worten, wir müssen ihn dazu bringen, sich zu disziplinieren, weil er den Nutzen davon einsieht, aus der Mussdisziplin muss eine frei gewollte werden. Unsere heutige turnerische Disziplin ist hauptsächlich ejne miü" tärische. Ein Befehl wird gegeben und muss sofort unweigerlich ausgeführt werden. Wenn wir nun den Juden dazu bringen, wenn wir sein Oehirn so üben, dass er in der Lage ist, blitzschnell den Nutzen, den Zweck der befohlenen Handlung oder Unterlassung einzusehen, den Wert der von ihm verlangten Unterordnung in jedem einzelnen Falle zu erkennen, dann glaube ich. wird es uns nicht schwer werden, auch dem Juden Freude an d$r Disziplin beizubringen, die ihm doch so dringend not tut. Das aber können wir nicht erreichen, wenn wir ihn nun in die Turnreihe stellen und ihm einen Befehl zuschreien, den er mit den anderen ausfuhren soll. Wenn wir ihn aber »•» den Spielplatz bringen, dort, wo es ihm möglich ist, seine Persönlichkeitswerte und -Gelüste voll zum Ausdruck zu bringen zu einem Zwecke allgemeiner Natur, dann wird er bald erkennen, wie vorteilhaft es ist, Kombinationen einzugehen, die unter gegebenen Umständen das Aufgeben des