Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 10 (10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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194 No. 10/11 angesehen wurde, dessen Behandlung mit der Aufgabe des Vorturners nichts zu tun habe, das zu pflegen dem Vorstande überlassen bleiben müsste, aber ich darf wohl feststellen, dass die tatsächlichen Verhältnisse ungefähr diesen Zustand ergeben haben. Die grosse turnerische Aufgabe, die uns obliegt,, und die selbstverständlich in aller erster Linie unseren Vorturnern zufällt, deren Arbeitskraft und ganze Energie sie in höchstem Masse in Anspruch nimmt, hat es von selbst mit sich gebracht, dass die Arbeitsteilung der Vereine die nationalen Aufgaben in erster Linie dem Vorstande zugeschoben hat. Und tatsächlich ist er ja auch der eigentlich Berufene auf diesem Qebiet. Aber nichts wäre falscher, als etwa anzunehmen, dass die Aufgabe unserer Vorturner damit erschöpft sei, dass sie für eine sachgemässe und möglichst gute turnerische Ausbildung der jüdischen Turner tätig sind. Damit wäre ihr Pflichtenkreis ganz und gar nicht erschöpft, eine solche Auffassung würde der Bedeutung des Vorturneramtes durchaus nicht entsprechen. Andererseits kann auch gar nicht nachdrücklich genug darauf hingewiesen werden, dass der Zusammenhang zwischen den Begriffen „turnerisch" und "jüdisch" nicht bloss dadurch gegeben ist, dass sie in unseren Statuten nebeneinander stehen. Es darf nicht so sein, dass etwa unsere nationale Tendenz in unseren Statuten, festlichen Veranstaltungen, Reden und Liedern zum Ausdruck kommen soll, und der Tunibetrieb selbst davon frei ist, die logische Auslegung des Begriffes „jüdischer Turnverein" verlangt, dass all unser Sinnen und Trachten, dass jedes Tun und Lassen des jüdischen Turnvereins und des jüdischen Turners von nationalem Qeiste durchdrungen ist. Betrachten wir es doch als den Zweck unserer Existenz, der uns zugleich die Existenzberechtigung verleiht, unsere Mitglieder, die jüdische Jugend,?u vollwertigen Juden und Menschen heranzubilden. Nun wäre nichts verkehrter, als etwa die Erkenntnis, dass es der körperlichen Stärkung des Juden bedarf, uin ihn auch innerlich als Jude stark zu machen, dahin auszulegen, dass wir verpflichtet seien, unsere Mitglieder zunächst turnerisch auszubilden und ihnen nebenher den Inhalt des jüdischen Bewusstseins beizubringen, mit anderen Worten, dass wir mittels des Turnens unsere Freunde zu starken Menschen und sie auf der dadurch bewirkten Höhe durch andere Mittel zu bewussten Gliedern des jüdischen Volkes heranzubilden hätten. Eine solche Auffassung kann sehr leicht den Dualismus hervorrufen, in dem wir tatsächlich, meiner Erfahrung gemäss, einen nicht unbeträchtlichen Teil unserer Mitglieder befangen sehen, die meinen, dass das Turnen eine, das national-jüdische Prinzip eine andere Sache sei, und die demgemäss glauben, das eine mitmache'1 zu können, ohne sich zum andern verpflichten zu müssen. Entspricht dieses schon nicht den Zwecken unseres Daseins, so widerspricht es auch ganz un gar den natürlichen Verhältnissen. Unsere Existenz beruht ja nicht darau. dass wir einem konstruierten Zweck zuliebe Forderungen aufstellen, sonder sie folgert aus der Erkenntnis, dass es im Interesse des Juden liegt, w£n seine Eigenart erhalten bleibt, und ausgebildet w ird. Um den mannigfache Widerwärtigkeiten, die das Leben gerade ihm bringt, mit Erfolg begegne zu können, erachten wir die Stärkung seines jüdischen Bewusstseins a notwendig. Wir geben ihm, damit er sich durchsetzen kann, als Waffe da Bewusstsein des Wertes seiner Persönlichkeit in körperlicher und seelisch Hinsicht. Auch ein körperlich gut entwickelter und turnerisch vielleicht au gezeichnet ausgebildeter Jude ist nicht fähig, sich auf die Dauer zu o haupten, wenn er sich nicht auf den Boden seiner Zugehörigkeit zum Ju sehen Volke stellt, während andererseits der national empfindende, aber (lebrauch seiner Körperkräfte behinderte oder nicht bewanderte •'ut^.,fferi Adel der Persönlichkeit nicht hat, der dem gewandten, körpertilchtis