Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 6 (6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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114 No. 6 eine unverhältnismässig grosse Zahl von Angehörigen der unmittelbar produktiven Berufe zu finden ist. Wie dringend die Notwendigkeit, einen jüdischen Bauernstand zu schaffen, auch von anderer Seite empfunden wird, lehren die warmherzigen Ausführungen von Dr. Arthur Kahn, Berlin**), die wir nachstehend im Auszuge wiedergeben: So lange wir das Schicksal haben, dass unsere reichsten und grössten Wohlfahrtsinstitutionen sich auf ungünstige Eventualitäten, auf Kalamitäten und sogar auf Katastrophen einrichten müssen, wird es vorkommen, dass Dinge, so dringend sie auch zweifellos sein mögen, in den Hintergrund geraten und übersehen werden. Eine solche vernachlässigte Kulturarbeit ist die bisher unterbliebene Förderung der Landwirtschaft unter den Juden in unserem Vaterland. Der Anfang wurde bereits anfangs dieses Jahrhunderts von ausgezeichneten Männern, allen voran dem verewigten Konsul Simon gemacht. Die ersten Versuche konnten aber wegen der allzu geringen Mittel, mit denen das Erstlingswerk begonnen worden, nur sehr bescheidene Erfolge erzielen. Aber eben in Anbetracht aller zutage getretenen Mängel, war das Experiment doch nicht misslungen. Und eine Anzahl Eleven, die heute in Süd- und Nordamerika, Kanada und in Palästina Landwirtschaft betreibt — zwei davon sind schon im Besitz von Farmen und Ernährer ihrer Familien — würden heute die Zweifel an der Fähigkeit und Liebe der Juden zur Landwirtschaft am Schlagendsten widerlegen können, wenn man sie hätte in Deutschland ansiedeln können. Da die ausgelernten jungen Leute aber, bis auf vier, in Deutschland und bei jüdischen Gutsbesitzern keine Stellung finden konnten, so waren sie gezwungen, ins Ausland zu gehen, von wo sie schwerlich mehr nach Deutschland zurückkehren dürften, weil sie eben keine Aussichten hatten, sich einmal ansiedeln zu können. Und warum nicht? Weil in der deutschen Judenheit, in deren Mitte man mit Leichtigkeit für irgendwelche Zwecke, die ausserhalb der eigenen Landesgrenze angestrebt werden, eher eine Million aufbrächte, als für die Ansiedlung einer jüdischen Bauernkolonie den vierten Teil! Wir brauchen aber einen Bauernstand, damit die kleinen Landgemeinden, die Quelle unserer physischen und sittlichen Kraft, nicht untergehen. Wir brauchen einen jüdischen Bauernstand, damit die Juden in den Städten sich durch gegenseitige Konkurrenz nicht selber aufreiben. Wir brauchen den Jüdischen Bauernstand, weil die Juden in den Städten immer mehr ihre Fortpflanzungskraft verlieren; weil in den Städten sich ein Gelehrten- und „Kaufmanns"-Proletariat anhäuft, das am Ende unsere Hilfsmittel erschöpft, ohne dass wirksame Hilfe geleistet werden kann. Es hat sich gezetgt, dass der ununterbrochene Zustrom zu den Grossstädten nicht nur ein unheimlich anschwellendes Proletariat ans akademischen und kaufmännischen Kreisen hervorgebracht hat, sondern dass auch wiederum die Grossstädte die Zentren des Abfalls, der Taufen und Mischehen geworden sind, trotz der grossartigen Institutionen, welche die Grossgemeinden geschaffen haben. Die jüdische Jugend in den Grossstädten ist es in erster Linie, die in wachsender Zahl sich vom Judentum abwendet und nicht nur ökonomisch, sondern auch sittlich und religiös herabsinkt, S^tt^ davon zu schweigen, dass sich zu unserm grossen Schmerz jetzt auch nocti ein aus indischen Mädchen und Frauen rekrutierendes Dirnentum entwickelt, das sich zum nicht geringen Teil ebenfalls aus materieller Not entwickelt **) .Eine tozUle Pflicht der Judenheit', Hamb. Israel. Familienbl. I9°8-