Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 6 (6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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112 No. 6 Fall, dass sich bereits gegründete Turnvereine*) aufgelöst haben, weil ihnen die Turnhallen verweigert wurden, sollte sich nicht nochmals ereignen! Die Ursache liegt darin, dass es noch immer Turner gibt, die glauben, dass man sich ohne gut gehobelten Barren und dünne eiserne Reckstange nicht turnerisch betätigen kann. Wie bei der Begründung der deutschen Turnvereine eine ganze Anzahl nicht rein turnerischer Körperübungen in den Betrieb hineingenommen wurden, so müssen die jüdischen Turnvereine den Rahmen soweit als möglich fassen und hierdurch die jüdische Turnerschaft in die Lage versetzen, das tatsächliche Zentrum aller Leibesübungen treibenden Juden zu sein. Es ist selbstverständlich, dass das Turnen die Grundlage eines jeden Vereins bilden soll. Kein noch so anregender Sport kann das Turnen in seiner ungeheuren Vielseitigkeit und Bedeutung für die gesamte Körperentwicklung ersetzen. Turnen im Freien in jeder möglichen Weise muss das erste Gebot für jeden jüdischen Turnverein sein. Wir brauchen Licht und Luft und Wald und Feld vor allem. Die Turnhalle ist nur ein Ersatzmittel und, des lästigen Staubes wegen, nicht einmal ein gutes.' In der Grossstadt ist sie leider in unseren Breiten nicht zu entbehren. Kann man keine Turnhalle bekommen, so soll man sich einen anderen bedeckten Raum für die kalte Jahreszeit zu beschaffen suchen. Ist ein solcher nicht erhältlich, oder ist die Aufstellung von Geräten nicht zulässig, so muss dennoch geturnt und für das Fehlende Ersatz geschaffen werden. In jedem Zimmer lassen sich Frei- und Ordnungsübungen ausführen, und nur vom Geschick des Leiters hängt es ab, die erforderliche Abwechselung und Anregung zu bieten. Ist dies den Turnern nicht ausreichend, genügen auch Spiele nicht, so greife man — zum Sport. Ringen und Fechten kann man auch im kleinen Räume ausführen. Damit ist das erste Glied in der langen Kette sportlicher Übungen eingefügt, das nebst dem Schwimmen schon von Alters her gleichsam eine Ergänzung des Turnbetriebes gebildet hat. Jeder Turnverein, sei er noch so klein und ohne jede Hilfsmittel, kann Frei- und Ordnungsübungen ausführen und ringen lassen. Gestatten es die Mittel, so sollen Fechtgeräte beschafft werden. Auch das Schwimmen lässt sich ohne Schwierigkeiten zu bestimmten Zeiten einführen. Vor allem muss aber auf die nächstliegende, das Turnen wesentlich ergänzende Sportart hingewiesen werden, — auf den Wandersport. Hier müssen alle Hebel eingesetzt werden, um jeden, der hinaus kann, auch ins Freie zu führen. Ein grosser Teil der jüdischen Turnvereine ist in der Ausübung von Wanderfahrten sehr säumig. Eine ganze Anzahl kennt das Wort Turnfahrt kaum dem Namen nach. Merkwürdig genug. Wir Juden sind durch die ganze Welt zerstreut und vom Schicksal zu ewiger Wanderschaft gezwungen. Warum zieht es uns so wenig in die Natur? Ist uns beim unaufhörlichen Suchen nach einer Heimat die Lust zum Wandern vergangen, weil uns der Wanderstab das Symbol des Unglücks geworden ist? Auch dort, wo die Ghettomauern gefallen sind, ist der alte Oeist derselbe geblieben. Nur nicht aus tlen Häusern und Gassen heraus. Von früh bis spät im Freien bleiben, gilt manchem Juden immer noch als „Gojim naches". Hier muss mit aller Kraft eingesetzt werden. Es darf keinen jüdischen Turnverein geben, der nicht regelmässig Wanderfahrten unternimmt. Nicht einige wenige, möglichst alle Mitglieder müssen mitziehen! Draussen in Wald und Feld, bei Regen und Sonnenschein lernt der Jude kennen, was ihm verloren gegangen in Jahrtausenden, *) Wir nennen u. a. nur die in Königsberg und Fürth gegründeten eine und den Jüdischen Tarn verein in München, der nach mehr jhärigem Bell an der Tnrnhallenfrage «cheiterte. (Die Red.)