Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 4 (4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 71 Der Verbandsfonds.*) Von S i e g m u n d Leicht- Qraz. Bald geht das erste Quinquennium des Bestandes der Jüdischen Turnerschaft zu Ende und, wenn wir aufrichtig sein wollen, müssen wir uns noch heute wie am 2. Jüdischen Turntage gestehen, dass das grösste Verdienst der Jüdischen Turnerschaft das ist, dass sie ist. Alljährlich findet eine Zusammenkunft von Vertretern der Verbandsvereine statt, wo jedesmal dem Ausschusse die schönsten Ratschläge gegeben und der Turnerschaft immer grössere Ziele gesteckt werden. Ist man dann wieder auseinander gegangen, so bleibt alles beim alten, nein, beim Gesprochenen. Die wichtigste Ursache, warum das so ist, warum der Ausschuss, das Exekutivorgan des Verbandes, zur Untätigkeit gezwungen ist, will ich darzulegen versuchen. Die Uberschrift meiner Zeilen wird jedem Leser bereits verraten haben, was meiner Ansicht nach die Ursache ist. Ja, der Verbandsfonds ist es! Der 2. Jüdische Turntag ist bereits zur Einsicht gelangt, dass eine erspriessliche Verbandstätigkeit nur auf kräftiger finanzieller Basis möglich sei und beschloss deshalb die Gründung des Verbandsfonds. Ein Blick auf das Soll und Haben der Verbandstätigkeit muss aber zeigen, dass die auf den Fonds gesetzten Hoffnungen sich leider nicht erfüllt haben. Die Ursachen des Misserfolges liegen aber nicht in der Institution des Verbandsfonds selbst, sondern sowohl im Ausschusse, sowie in den Verbandsvereinen. Meine Beschuldigungen muss ich begründen. Bernard Shaw lässt seinen Julius Caesar sagen: „Die wichtigste Tätigkeit des Welteroberers ist das Steuerneintreiben." Das ist mehr als ein geistreiches Wort, es enthält ein Gutteil Wahrheit, und sei allen denen ins Stammbuch geschrieben, welche die Welt erobern wollen, auch unserem Ausschusse. Denn auch von ihm verlangen wir, dass er die Welt, d. i. unser Volk erobern solle durch und für unsere nationaljüdische, turnerische Idee. Dass der Heerführer dazu auch sein Heer möglichst gut organisieren müsse — das sei nebenbei bemerkt — ist nur Mittel zum Zweck. Dadurch, dass die Turnerschaft dem Ausschusse eine Aufgabe gibt, gewinnt er auch das Recht, Forderungen zu stellen. Und diese Forderungen muss er in erster Linie durchsetzen, wenn er sich nicht zu einer Schattenrolle verdammt sehen will. Die Verbandsvereine haben sich zur Ausführung einer Idee vereinigt. Sie nennen sich Idealisten. Der Ausschuss sage zu ihnen: „Wenn Euer Idealismus keine Phrase ist, so drückt ihn auch einmal aus in Mark und Pfennigenl Wieviel Mark wollt Ihr für Euer Ideal geben?" Das muss die Parole des Ausschusses sein, ob er sich seines Heeres sicher fühlen könne. Das Heer jedoch muss seinen freigewählten Führern selbstwillig und freudig die drei Dinge zur Verfügung stellen, die schon Montecuccoli zum KriegfUhren brauchte, nämlich Geld, Geld und wieder Geld! Wieviel Geld? Das ist keine Frage! Je mehr, desto besser. 10 000 Mark würden sogar für die erste Zeit genügen. Das ist unerschwinglich? Für einen Turner darf nichts unerschwinglich sein, nicht einmal die Riesenweile am hohen Reck! Schauen wir uns einmal das Budget der Turnerschaft vom 3. Turntag an. Den Verbandsbeiträgen von 2168,01 Mark stehen ordentliche Ausgaben wie Turnzeitung, Drucksachen, Spesen und Porti von zusammen 2482,33 Mark gegenüber, Das Defizit, sowie die ausserordentlichen *) Wegen der Wichtigkeit dei Gegenstandes und der Nthe der Obmann- •chaftstafung empfehlen wir den Artikel unseres Grsier Freundes der besonderen Aufmerksamkeit und stellen die Frage des Verbandsfonds zur Diskussion,