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Jüdische Turnzeitung · 1908-04-01 · 4 (4.1908) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
9 (1908)
Issue
4 (4.1908)
Date
1908-04-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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No. 4 63 da ward es uns auch versagt, sanftmütig zu sein. Da galt es sich Platz zu schaffen, und unser Gott, der uns als erstes Gesetz uns selbst zu erhalten anbefiehlt, verbot uns und strafte unnachsicht- Hch in diesem entscheidenden Momente Rücksicht und wankelmütige Sanftmut. Wir haben keine Zeit uns der Vergangenheit zu freuen oder Uber sie zu klagen, aber wir sollen aus ihr lernen und sie fortsetzen. Wir können nicht vergessen: noch ist die Schmach der Prügel von Kiscbinew, Schitomir, Odessa, all der früheren und spateren, nicht getilgt. Noch ballt sich nicht kraftig die Faust, erhebt sich nicht drohend ein sehniger Arm, dem Feinde die Lust, uns nahe zu treten, frühzeitig auszutreiben. Aber wir sind heute nicht blutdurstig, wir wollen es auch niemals werden. Aber straffer werde der Körper, kühner das Auge, eine Warnung jedem Angreifer, dass vor ihnen sein Herz erbebe und sein Arm erlahme. Mit welchem Rechte belustigen wir uns über die vielfältigen Schläge, die den Aegyptern zugefügt wurden und zählen sie immer wieder und finden, dass ihre Zahl unendlich. Gellt nicht auch in. diese frohe Stunde die schmachvolle Erinnerung „Kischinew" hinein? Wie könnte sie uns verlassen? Nicht den Hass wollen wir, aber wir wollen uns wehren können, dort vor allem müssen wir uns wehren können, wo unsere Zukunft liegt. Wenn wir in dem Lande angegriffen werden, wo unsere Ahnen Zeugen sind und die Makkabäer einst gekämpft, sollte auch da unsere einzige Antwort sein, Gelder zu sammeln?! Nicht den Hass wollen wir. Und wir sollen auch aufhören, über uns zugefügtes Unrecht zu klagen. Wer Unrecht erfährt, ist mitschuldig. Es ist schwächlich und gefährlich, das Bewusstsein mit sich zu tragen, Jahrhunderte lang Unrecht erlitten zu haben. Ein solches Bewusstsein verlegt alles zu sehr ausser uns: nur die Andern sind schuldig und nur wenn die Andern besser werden, können wir Erlösung für uns erwarten. Es spricht uns selbst zu sehr frei und fordert zu wenig von uns. Wir wollen der Gegenwart und Vergangenheit in uns selber nachspüren und die Zukunft aus uns selber herausholen. Wir wollen nicht mehr uns selbst blos Objekt unserer Vergangenheit, sondern wir sollen Subjekt unserer Zukunft werden.

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