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Jüdische Turnzeitung · 1908-03-01 · 3 (3.1908) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
9 (1908)
Issue
3 (3.1908)
Date
1908-03-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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43 Im Aufmarsch präsentiert sich die Turnerschar als Ganzes. Sie stellt sich vor, ohne vorläufig etwas von ihrem Können zu verraten. Häufig wird die Idee mehr interessieren, denn die Ausführung:. Hier ist das Gelingen ein absoluter Begriff: Der Aufmarsch muss „klappen". Erst die Freiübungen zeigen uns turnerisches Können. Sie sollen auf das geringste Mass der in der Abteilung vertretenen Fähigkeiten gestimmt sein. Zeichnet sich jemand um ein Bedeutendes vor den anderen aus, so ist entweder der Schwierigkeitsgrad der Übungen falsch gewählt, oder ein zufälliges Versagen der Mitturner trägt die Schuld. Auch hier hat die Individualität hinter der Qesamtwirkung zurückzutreten, wenn auch das Urteil über die Gesamtleistung feinere Differenzierungen zulösst. Das Riegenturnen ftihrt uns wiederum einen Schritt weiter. Hier wird das Bild gelöst. Das Interesse wendet sich schon mehr dem einzelnen zu. Die Selbstzucht des Turnenden wirkt mit der lockeren Riegendisziplin zusammen. Das Gelingen ist in jedem Falle, auch dort, wo man häufig glaubt, es in Masszahlen ausdrücken zu können, ein relatives. Eine jede Übung Hesse sich immer noch besser ausführen. Das Kommando- „Zum Küren — tretet weg!" mag manch einen Zuschauer glauben machen, das eigentliche Turnen sei zu Ende, das Küren solle lediglich als Zugabe das Fest beschliessen. Nur allzu häufig scheinen die Turner diese Auffassung zu teilen: Nun, da der Turnwart die Zügel der Leitung schiessen liess, flutet alles wahllos durcheinander, ein jeder gibt ein Schauturnen für sich, sucht seine eigenen Fähigkeiten an seinem Lieblingsgerät ohne Rücksicht auf das Gesamtbild zu zeigen. Und doch, verstehen wir unsere Schauturnen unter dem Gesichtspunkte der gezeichneten Entwicklung, so müsste ihnen das Küren nicht nur Ausklang, sondern Höhepunkt sein. Wohl soll man dem ermüdenden Interesse der Zuschauer entgegenkommen, ihnen Gipfelübungen und turnerische Wagnisse zeigen, und auch dem Turner gönne man nach den Riegen- und Ordnungsübungen ein freies „Sich Austurnen" in froher Jugendlust, aber er vergesse niemals, dass erst das Küren ihm Gelegenheit geben soll, sich ganz als Turner, wie ihn die Turnübung bildete, in Selbstzucht, Kühnheit, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit und Brüderlichkeit zu zeigen, dass das Riegenturnen im engeren Sinne die Schulung, das Küren das frisch frohe Turnerleben vorführen soll. An der falschen Bewertung des Schaukürens seitens unserer Turner mag schuld sein, dass dasselbe ohne irgend welche Abrede improvisiert wird, während die Ordnungs- und Riegenübungen wochenlang für den bestimmten Zweck des Schauturnens geübt werden. Um so mehr dürfte es am Platze sein, dem einzelnen einige Winke zu geben, wie er an seinem Teile zu einem guten Oelingen beitragen sollte. Alle Mühe wird dort vergebens sein, wo nicht der echte, rechte Turnergeist durch die Abteilung weht: Das Küren spricht eine beredte Sprache — man könnte aus der Schar der Kürenden Freunde wählen oder gegen einzelne eine unüberwindliche Abneigung gewinnen — aber sie versägt dort, wo sie frisch-fröhliches Turnerleben vortäuschen soll. Die von J. C. Lion befürwortete Methodik des SchaukUrens, die dem Turner nur drei bis vier Geräte zur Wahl lässt und ihn anhält, sich daran auf beliebige Übungen möglichst eingehend vorzubereiten, mag sich bei Jugend- und Zöglingsriegen bewähren, beim Küren der Männer- und Frauenabteilungen bildet jedoch unseres Erachtens gerade der Mangel einer jeden Präparaticn den Reiz und gibt dem Bilde den lebenswahren Anstrich, der eben nur der konsequent durchgeführten, frei improvisierten Kür anhaftet.

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