Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1908-03-01 · 3 (3.1908) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
9 (1908)
Issue
3 (3.1908)
Date
1908-03-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4921092-5965115-5965276--2113-4924943
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

44 No. 3 Es versteht sich von selbst, dass all der turnerische Komment, den wir uns in der Riege angeeignet haben, auch beim Küren in Geltung zu bleiben hat, soweit er sich nicht auf die Riegenordnung selbst bezieht. Hier sollen lediglich die Pflichten, die dem Turner aus dem Begriff des Kürens, der freien Wahl, erwachsen, Erwähnunug finden. Da ist zunächst das Aufstellen der Geräte: Natürlich schnell und ohne Lärmen, aber auch mit kluger Wahl. Wie der rechte Kürturner beim Schauturnen überhaupt niemals den Blick vom Ganzen wenden darf, so muss es auch hier sein Bestreben sein, Hang-, Stütz- und Sprunggeräte gleichmässig zu ihrem Rechte kommen zu lassen. Wo es die Ökonomie des Saales gestattet, ein wenig mehr Geräte denn beim Riegenturnen, um das hässliche Herumstehen einzelner Turner zu vermeiden. Dann aber auch mit dem Räume haushalten, nicht gegenseitig Platz und Anlauf verbauen! Der Turner „erkürt" zunächst sein Gerät. Da soll es durchaus nicht verlangt werden, dass er sein Licht unter den Scheffel stelle. Er wird — im Gegensatz zum Küren an Übungsabenden — ein Qerät wählen, das ihm gut „liegt", wird aber stets die Augen offen haben müssen, ob nicht irgendwo ein Qerät auf seinen Turner wartet. Möglichst wenige Turner untätig und möglichst alle. Geräte besetzt 1 Wirkt ein jeder nach diesem Ziele, so wird er nicht unwesentlich zum harmonischen Qepräge des Gesamtbildes beitragen. Dann kommt die Wahl der Übungen: Geschicklichkeit, Mut und Kraft mögen beim einzelnen sowohl wie in der ganzen Abteilung gleichennassen Berücksichtigung finden. Keiner sollte eine Übung beginnen, deren Gelingen ihm nicht sicher ist. Ehrgeizige, beifallslüsterne Versuche, dort, wo nichts zu wagen ist, sind unturnerisch! Übungsgruppen sollten den älteren, technisch durchgebildeten Turnern überlassen bleiben, da selbst der Laie einen fehlerhaften Aufbau empfinden und ausserdem seine Aufmerksamkeit nur selten dem einzelnen auf längere Zelt widmen wird. Man wähle das richtige Mittel zwischen einseitigem „Dauerlurnen" an einem Gerät und flatterhaftem Hin- und Herlaufen von einem zum anderen. Das Hilfegeben zeigt uns den Turner bei der Betätigung einer seiner schönsten Tugenden. Versagt er hier, so kann dadurch der Erfolg des ganzen Tages in Frage gestellt werden. Die Schauturnen dienen einem doppelten Zweck: Einmal sollen sie uns selbst Ober unser Können und Nichtkönnen aufklären, und so unserer weiteren Arbeit die Wege weisen, dann aber dienen sie unserer Turnsache als Propaganda; und da leuchtet es ein, dass auch der kleinste Unfall die mühsam erturnte Sympathie manch eines Laien bis aufs letzte verwischen wird. Die Zeit des Kürens bemesse man nicht zu reichlich, damit sich ein jeder Turner wählend der ganzen Zeit ohne sichtliche Erschlaffung betätigen kann. Der Abschluss: Geräte — frei!, Geräte beiseite schaffen! und Antreten! muss durch die Schnelligkeit verblüffen, mit der sich der Turner dem Kommando wieder unterordnet. Das ist so ein Moment, der in der Erinnerung manches dem ganzen Pest das Gepräge gibt. Da zeigt sich, wem Turndisziplin unangenehmer Zwang und wem sie so recht ein Teil seines Wesens geworden ist. So wollen wir das Küren verstehen und so wollen wir es ausüben; dann werden wir dem Beschauer nicht eine Schaustellung von Turnfertigkeit, sondern einen Ausschnitt aus der Tnrnerwelt mit all Ihren Freuden und selbsterwählten Pflichten bieten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.