Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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7 „Im Felde" ist nicht erdacht, es ist dem Dichter innerstes Erlebnis, deshalb unbedingt wahrhaftig;. Wahrhaftigkeit heisst die Formel, die uns den Weg zum Naturgenuss weist, Wahrhaftigkeit gegen uns und andere: Nicht dem Emporkömmling, der die Freude über den gefüllten Qeldbeutel, der ihm weite Reisen gestattet, für den Naturgenuss hält, nicht dem Bergfexen, der befriedigte Eitelkeit dafür ausgibt, offenbart sich die Natur in ihrem versöhnenden Frieden, in ihrer Harmonie und ihrer Seelenheilkraft, sondern nur dem, der sie nimmt, wo und wie sie sei, der sich allüberall, gleich einem treuen Sohne an der Mutter Brust, hingebungsvoll an sie schmiegt. Man hat nicht ohne Qrund dieses Verhältnis mit dem des Frommen zu seiner Gottheit verglichen und geglaubt, hier die Wurzel alles religiösen Fuhlens zu finden. Bialik führt uns aufs Feld. Schon das zeichnet seine Art: Dichterlinge suchen die Natur stets im Prunkgewande auf: Murmelnde Bäche, brausendes Meer, ragende Höhen, blumige Wiesen und liebliche Täler regen sie an. Für Bialiks Dichterseele bedeutet auch das Feld, das schlichte Kornfeld, ein Paradies von Schönheit. Dort findet er den Bauer, innig verschwistert mit der heimatlichen Scholle, der er durch seiner Hände Arbeit zur vollen Entfaltung ihres Reichtums verhilft, und aus der erwiederum seinen Unterhalt, und die Einheit seiner kraftbewussten Persönlichkeit zieht. Dort lebt das Volk der Ähren ein eigenes, wundersames, ereignisreiches Leben; und Himmel, Wolken und Wind gestalten seine Schicksale. Ein Hochsommernachmittag. Erst trügerische Stille, dann auffahrender Sturm, endlich von Qual erlösender, in Seligkeit begrüsster Abendfrleden. — Bei Bialik lebt wirklich die Landschaft! Mit inniger Liebe lauscht er den Äusserungen dieses Lebens und weiss sie in schlichten Worten und lebenswahren Bildern wiederzugeben. Seine Schilderung ist weniger lyrisch denn episch und erhebt sich biswellen zu dramatischer Höhe. Aber es ist unserem Dichter nicht vergönnt, sich restlos dem Geniessen hinzugeben. Das Ghetto, das sein Bewusstsein längst von sich geworfen, hält doch seine Seele mit unsichtbaren Armen zurück. Die ganze Bitternis seiner Ohnmacht, das beschämende Gefühl des Bettlers, der nur empfängt, ohne zu geben, kommt Uber ihn: Nichts gab er dazu, dass dort draussen alles so herrlich wurde! Nicht seine Kraft, nicht sein Gebet! Während der Bauer mit kraftvollem Arm die Saat streute, lernte er im Beth Hamidrasch, dessen Kultur er nicht von sich streifen will noch kann. Er teilt so recht das Geschick Jener „Ersten", für die es heisst: „Ihr dürft die unverhüllte Schönheit sehen und könnet ihre Hände doch nicht fassen". Wie gross erscheint uns der Dichter aber gleichwohl gerade da, wo er uns seine Kleinheit schildert, Wo alle Menscheneitelkeit vor der gewaltigen Majestät der Natur erstirbt! Nachdem uns Bialik so hat das tiefste Leid seiner jüdischen Seele miterleben lassen, klingt die Dichtung versöhnlich und hoffnungsfreudig in dem Grusse aus, den er unseren palästinensischen Brüdern zuruft, die als treue Bauern ihre heimatliche Scholle bebauen. Wenn wir mit Bialik nach Palästina hinübergrüssen, so gelte unser Gruss jenem jüdischen Dichter der Zukunft, dessen Lied in den Gefilden Judäas die Erfüllung unseres Sehnens kündet, das bei Bialik so kraftvollen Ausdruck gefunden. Wir haben nur eine Seite von Bialiks starkem Wesen betrachtet, wie es zu uns aus einer seiner Dichtungen spricht. Diese Seite seiner Schöpfungen wird Bialik nicht so leicht volkstumlich machen, da unser Volk in seinen grossen, noch schlummernden Massen noch nicht fähig ist, so starke Gefühle der Natur gegenüber nachzuempfinden. Ihm dazu zu verhelfen.