Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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6 No. 1 liisst sich eine bekannte Stimme vernehmen. Sie kommt aus dem Innern unseres verehrten Turnleiters. Wir stampfen also „aufi". Nun stehen wir oben; frisch geröteten Gesichtes und tief atmend in der reinen, würzigen Bergluft. „Auf die Rodeln" kommandiert der Turnwart. Wir gehorchen. Und nun, meine Qnädige, setzen Sie sich in Qedanken hinter mich auf die Rodel. „Los!" Langsam setzen sich die Schlitten in Bewegung zu immer schnellerer Fahrt. Einer nach dem andern. Ha, wie das erfrischt! Wir sausen. Hollah, da gehts um die Ecke; rasch den eisenbewehrten Fuss eingestemmt. Vorüber. Und weiter rast der Schlitten. Jetzt kommt ein „Sprung". Keine Angst, meine Qnädige, unser Sport ist nicht gefährlicher als die edle Turnerei. Der Abhang ist an dieser Stelle nur etwas steiler und darüber hinweg fliegt der Schlitten, wie es die Regeln der Physik wollen. — Plumps, da liegt einer vor uns. Nichts ist ihm geschehen: er lacht ja vergnügt in den weichen Schnee hinein. Die Fahrt wird langsamer; wir sind schon auf der Ebene, dem .Auslaut" angelangt. Endlich stehen wir vor dem Ziele; die Rodel geht nimmer weiter. Also aufgesprungen. Die Pulse schlagen rascher. Ihr Antlitz ist so losig und Ihre Augen lachen so fröhlich. Ich glaube, der Sport gefällt Ihnen, meine Qnädige, — drum wieder hinauf. — Und während des Wanderns Uber den Weg, der uns auf die Spitze des Berges bringen soll, zwischen immergrünen Tannen und Fichten durch, plaudern wir ein wenig. Und merkwürdig: keine Müdigkeit fühlen wir, leicht und frei schreitet der Fuss dahin. An einer Schnur gelenkt, folgt treu und willig der geliebte Schlitten. Qerne willigen Sie ein, Ihren Alexander Rodler werden zu lassen, und mit Feuereifer versprechen Sie, für Verbreitung dieses Sportes in der Jüdischen Turnerwelt tätig zu sein. Ehe wir uns dessen versehen, stehen wir wieder auf dem Qipfel des Berges inmitten unserer Genossen, die mittlerweile auch heraufgekommen waren. Die Schlitten werden zurechtgestellt. Der Turnwart Uberblickt die Schar seiner Getreuen. „Los!" A. Bergossen. Ch. N. Bialik. (Betrachtungen zu seinem Gedichte „Im Felde".) Nicht Knechtung, sondern die Sklavenseele, die die Knechtschaft schuf, nicht fremde Übermacht, die uns in Qhetti zwängte, sondern das Helotentum, das den Weg zur Natur nicht zurückfindet, schmerzt und beschämt uns. Dass noch gar so vielen Juden Feld, Bach, Wald und Wiese Begriffe sind, die sie sich aus Bildern und Gelesenem bauen, dass an gar so vielen Ohren unser Bruderruf: „Hinaus in freie Gottesluft!" ungehört verklingt. Da sind es unsere Dichter, die uns trösten, gleichsam Kundschafter, die das Volk in eine bessere Zukunft vorausgesandt hat und die immer wieder mit reichlicher Ausbeute heimkehren, die den vor Jahrhunderten verlorenen Weg zur Natur wieder auffinden, oder doch ein machtvolles Sehneu mitbringen, das Taten gebiert. Chaim Narun Bialik ist wohl derjenige, der da am weitesten vordrang. Und darum ist eine köstliche Gabe für uns sein Gedicht „Im Felde".") Um Schöpfungen willen wie dieser lieben wir Jüdischen Turner Bialik und dürfen ihn in besonderem Sinne den Unseren nennen. *) „JQdischer Alawnach", »Junge Harfen", Jfldiicher Verlag, Kola.