Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 11/12 (11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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211 Noch steht er vor mir, dessen durchbohrende, klare, dabei doch so grundgülige Augen das Feuer jugendlicher Begeisterung offenbarten, dessen straffe, eherne Gestalt über das Alter des hohen Siebzigers hinwegtauschte. „Er war unser!", dürten auch wir von ihm voller Stolz sagen. Mit überraschendem Verständnis hatte er, kaum dass er — vor zwei Jahren — andeutungsweise mit unserem Ideenkreis bekannt gemacht, auch schon das Wesentliche und Grundsätzliche unserer jüdisch-nationalen Turnsache erfasst, die Konsequenzen unseres Programms in klaren, festen, umfassenden Zügen uns selber dargelegt und mit starker Begeisterung unser Streben und unsere Arbeit willkommen geheissen. Er blieb — trotz mancher hämischen Bemerkungen, die er im Lager der Deutschen Turnerschaft über diese seine Stellungnahme erfuhr — uns, und damit seinem Charakter treu. Diese warme Sympathie für unsere Sache hat er uns brieflich bis in die letzte Zeit bewiesen. Seine Bereitschaft, unser Blatt redaktionell zu fördern, hat er leider nicht mehr in die Tat umsetzen können. Wenn bereits jetzt sich ein Ausschuss gebildet hat, der zur Errichtung eines Denkmals für Maul in Karlsruhe auffordert, so werden auch w ir jüdische Turner nicht zurückstehen und gerne durch Beitragspenden* dem Toten die Treue zu vergelten versuchen! Mauls äusserer Lebensgang und turnerische Bedeutung sei im folgenden skizziert: Schon als Student zeigte Maul reges Interesse für die Turnbewegung. Die Darmstädter Turngemeinde wählte ihn bereits 1848 zum Turnwart. Das Glück fügte es. dass er Spiess' Schüler ward, auf dessen Fürsprache er 1856 Turnlehrer in Basel wurde. Hier halte Maul Gelegenheit, sein organisatorisches Talent zu offenbaren und für seine Idee zu arbeiten. Er gründete den Baseler Turnlehrerverein, leitete Turnfeste und Vorturnerkurse, wurde der Gründer des Sektionswetturnens und zog durch seine rastlose, von Erfolgen gekrönte Tätigkeit die Aufmerksamkeit weiter Kreise aui sich. 1869 wurde er als Direktor der Turnlehrerbildungsanstalt in Karlsruhe berufen, in der er bis zu seinem Tode gegen 2000 Schüler ausbildete und mit seinem Turnergeiste erfüllte. Nach rastloser Arbeit in Turnlehrervereinen und der deutschen Turnerschaft wurde er 1875 in ihren Ausschuss und 1887 zum Vorsitzenden gewählt. Als er sich 1895 infolge eines Augenleidens von seinem Amte zurückzog, wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Einen nachhaltigen Einfluss übte er auf die Gestaltung des Wettturnens auf den deutschen Turnfesten aus. Zahlreiche turnerische Schriften sind aus der Feder Mauls hervorgegangen: „Freiübungen und ihre Anwendung im Turnunterricht", „Die Entwicklung des Schulturnens", „Anleitung für den Turnunterricht an Knabenschulen", deren erster Teil eine vorzügliche turnmethodische Abhandlung darstellt. Die nach Schwierigkeitsstufen zusammengestellten Reck-, Barren- und Pferdübungen, „Die Turnübungen der Mädchen" erschienen in mehreren Auflagen und haben in Schule und Vereinen erfolg- *) Beitrage zu dem Denkmal »lad mit der Bezeichnung „für da« Alfred Maul-Denkmal" an die Vereinsbaok In Karlaruhe i. B., Kreuzatr. i zu senden.