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Jüdische Turnzeitung · 1907-11-01 · 11/12 (11.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
8 (1907)
Issue
11/12 (11.1907)
Date
1907-11-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
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208 No. 11/12 „Auch in dem machtvollsten Nationalstaat gibt es Gruppierungen, welche, sei es . in bezug auf Abstammung oder in bezug auf Glauben, auf Gebräuche und Gewohnheiten, von der Mehrheit der Bevölkerung verschieden sind, ohne dass diese Verschiedenheit selbstverständlich die Zugehörigkeit der Minderheit zu der Nation irgendwie beeinträchtigt, (sie!) Der Glaube kann mich einer sozialen Gruppe zuweisen, von der mich der Verband des Staates, der Gemeinde, der Abstammung trennt, d i e N a t i o - nalität wird dadurch nicht im mindesten berührt. Es war dieserhalb unter allen schmachvollen Verlästerungen der deutschen Juden, welche sich der Strassenantisemitismus nicht minder als der Salonantisemitisrnus geleistet hat, die schmachvollste, wenn man den deutschen Juden die Zugehörigkeit zu der deutschen Nation ihrer Abstammung und ihres Glaubens •wegen absprach. Das Gute hat diese von uns allen wie ein Peitschenhieb empfundene Beleidigung gehabt, dass die wissenschaftliche Forschung sich mit dem Wesen der Nationalität in vertiefter (?) Weise befasste und dabei zu dem Ergebnis gelangte, dass gerade die beiden Momente, Abstammung und Glaube, für die Nationalität nichts bedeuten. Die Abstammung hat uns ebensowenig jemals verhindert, uns voll und ganz als Deutsche und nur als Deutsche zu fühlen, wie die Nachkommen der französischen Refugies und der reformierten Wallonen. Die schärfere Ausprägung des Nationalitätsbewusstseins macht uns erfohrungsgemäss die Regelung des Verhältnisses der Mehrheit zu der Minderheit vielfach nicht leichter, sondern schwieriger, und es ist nicht zu bestreiten, dass gerade in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts die Verkennung des Wesens der Nationalität in verschiedenen Ländern zu einer Behandlung dieser und jener Minorität führte, welcher weder mit den Errungenschaften der modernen Kultur noch auch mit der ethischen' Bedeutung des Staates in Einklang stand." Der Eifer, mit dem hier immer und immer wieder betont wird, dass Glaube, Abstammung, Sitte, Art und Gewohnheit für die Nationalität durchaus irrelevant seien, wird unfreiwillig verdächtigt, ja wirkt beinahe lächerlich. Und wozu denn das, um Himmelswiilen? Ist es denn wirklich so schrecklich, nichtdeutscher und gar jüdischer Nation zu sein? Aber Dr. Fuld fürchtet den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, die er mit anderer Nationalität verwechselt. Darum die komische Pose fanatischer Entrüstung über die „schmachvolle Verlästerung", die uns Nationaljuden, Herr Justizrat Fuld, durchaus nicht als solche erscheinen will, sondern eine klare, historische, ganz und gar nicht peinliche Feststellung, aus der wir unsere positiv-jüdischen Konsequenzen ziehen. Und dann mit Verlaub: hat wirklich nur die Verkennung des Nationalitätsprinzips", zur schlechten Behandlung der Juden geführt? Seit wann machen Missverständnisse Gesetze und Geschichte? Liegt der Grund nicht tiefer, etwa in der Volksempfindung, in der Andersartigkeit, überhaupt in der Machtentfaltung völkischer Urinstinkte? Überdies, wie verkehrt, uns mit den Refugies und Wallonen zu vergleichen, die sich durch Blutmischung assimilieren, was Rasseninstinkt und Rassenstolz auf jüdischer wie deutscher Seite perhorreszieren. Es wird verständlich, dass jemand, der sich so gewaltsam trotz aller „objektiven Merkmale" seiner „Minorität" (übrigens famos unklares Wort das) an die deutsche Nationalität anklammern möchte, vom hyperdeutschen Chauvinismus nicht allzu fern bleibt. Wirklich blickt er auf alle anderen Nationalitäten in Deutschland von seiner jüdisch-alldeutschen Warte wie auf etwas Minderwertiges oder doch dem Reiche Schädliches hinunter, und wirklich scheinen ihm diese eine schlechtere Behandlung Im Staate als Echtdeutsche und Deutschiuden zu verdienen oder doch begreiflich zu machen.

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