Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 11/12 (11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11/12 191 als das letzte Kind unserer Keimkraft, die mit uns sich ausgegeben hat? Und ich weiss nicht, wie es kam: die Lastenträger von Tarnopol haben ebenso wie die jüdischen Reichsratswähler im Frühling dieses Jahres meine Angst gemindert. Es ist mir, als sähe ich doch, was meine Seele suchte: die Kraft, die von sich selber noch nichts weiss .... So weit war ich in meinem Sinnen gekommen, als mein Freund mich störte. Er führte mich fort, — einem anderen Bilde zu, in den jüdischen Turnverein, wo ein Schauturnen improvisiert war. Die Leute haben noch keine eigene Stätte, sie wollen sie sich in Bälde gründen. Jetzt geniessen sie die Gastfreundschaft der Ruthenen. Zuerst marschierten die Mädchen auf. Frauenturnen ist an und für sich ein interessantes Problem: Umwandlung von Anmut in Kraft und von Kraft in Anmut. Und man konnte seine Freude daran haben, wie das Problem hier gelöst wurde. Dass es — nur Jüdinnen waren, erhöhte natürlich das Interesse. Unser Volk braucht Mütter, die in jüdischen Reihen zu schreiten die Lust und die Liebe, nicht in fremde sich einzuschleichen das krankhafte Bedürfnis haben. Es braucht auch starke Frauen, weil ihre Kinder viel auszubauen haben. Gleichwohl erschien uns das Turnen der Jünglinge von grösserer Bedeutung. Dort mehr Problem, hier mehr Aufgabe. Die Aufgabe: Kraft zu rufen, zu steigern, bewusst zu machen, zu organisieren. Studenten, Arbeiter, Talmudjünger......gesammelte Kraft in machtvoller Bewegung. Ich erinnerte mich an die albernen antisemitischen Karikaturen und lächelte. Und erinnerte mich wieder an die Makkabäer und ihre Zeit. Und erschrak! Denn damals hatten sie keine Turnvereine. Ja, Gymnasien gab es, die Hallen für griechische Leibesübung. Aber das Volk mied sie wie die Pest. Und es wusste, weshalb. Denn diese Hallen dienten der fremden Volks- und Gottesidee, oder besser gar keiner Idee, weil sie im Grunde aus keinem Glauben, keiner Anschauung, sondern aus dem Modebedürfnis einer entarteten Volksschicht herauswuchsen. Aber das Volk folgte Makkabi doch, ohne geturnt zu haben! Und wir glauben erst turnen zu müssen, — um uns für Makkabäertaten zu rüsten! Wir sind also doch nicht mehr wie die Alten? Wir haben also doch nicht mehr die Kraft, die von sich selber noch nichts weiss?