Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 10 (10.1907)
- Date
- 1907-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10 177 der „Deutschen Turnktinst". Eine der wichtigsten und verantwortlichsten Vereinsaufgaben ist es nun, den Riegen ihre Führer, Vorturner, zu geben. Denn in der Hand des Vorturners ruht nicht bloss die Leitung und Besorgung des Turnbetriebs für die Riege als Teil der Gesamtheit und die Hilfestellung, die eine schwere Kunst des Turnunterrichts ist, sondern er trägt auch bis zu einem gewissen Grade die Verantwortlichkeit für die Stimmung und für den Geist, der unter den Riegenmitgliedern herrscht. Ist er ein nüchterner, gewissenhafter Mann, der über die Praxis des Turnens hinaus auch Sinn und Verständnis besitzt für die ideellen Aufgaben des Vereinslebens, so wird er bemüht sein und vermögen, einen guten Ton und ernstes Streben in seiner Riege, sowie ein Freundschaftsverhältnis ausserhalb des Turnplatzes wach zu halten. Ist er dagegen unpünktlich und auch sonst in seinem Auftreten nicht frei von Tadel, so kann es sehr leicht kommen, dass die Disziplin in seiner Riege gelockert wird, dass Turnlust und Turneifer schwinden, und schnell wird allein hierdurch der Verein bedroht. Gute Vorturner sind daher allenthalben die besten Stützen der Vereine, und auf ihre Gewinnung ist überall in den Vereinen des Hauptaugenmerk zu richten. Dass ein Vorturner unbedingt der beste Turner seiner Riege sein muss, ist nicht erforderlich, trotzdem der die besten Früchte seines Fleisses ernten wird, in dem die Riegenmitglieder nicht nur den Lehrer, sondern auch den Meister erkennen und achten; es genügt, wenn sein Lehrgeschick und vor allem sein Ansehen bei den Riegengenossen ihn zur Leitung der Uebungen befähigt. Die grossen Kunststückmacher sind gar nicht selten recht schlechte Vorturner, weil sie häufig nicht Lust haben und nicht verstehen, in den Zumutungen an das Können und den Wagemut der Mindergeübten das richtige Mass zu halten. Das Vorturneramt ist ein hervorragendes Ehrenamt, gleichviel, ob ein Vorturner auf Grund einer Prüfung oder durch allgemeines Vertrauen seiner Turnbrüder gewählt wird. Das Riegenturnen steht im Gegensatz zum Kürturnen, bei welchem weder die Turner in bestimmter Aufeinanderfolge, noch die Uebungen in schulgerechter, logischer Stufenordnung aufzutreten brauchen. Das Riegenturnen ist die T u r ri s c h u 1 e. Sie erstrebt eine möglichst vielseitige Entwickelung und Bildung der Leibeskräfte und richtet demgemäss methodischen Unterricht ein; sie verlangt ein bestimmtes Mass von Anstrengung von jedem, sie geht auf die Erreichung eines guten Durchschnitts aus. Aber wie sie in Liebe und Geduld die Scheuen, Unbeholfenen und Schwachen zu fördern sucht, soweit das Ganze des Betriebes nicht dadurch geschädigt wird, so gedenkt sie auch derer, welche einen Ueberschuss von Kraft, Gewandtheit und Leistungsfähigkeit haben, indem sie die Lust, sich über das begrenzte Feld der Riege hinaus turnerisch zu betätigen, entwickelt und entfesselt. Sie stellt jene Aufgaben, die gelöst werden im Kürturnen, d. h. im Turnen nach freier Wahl der Genossen, Uebungen und Geräte. Hierbei kommen aber auch die Ungeübten ganz auf ihre Rechnung; denn sie finden Zeit und Gelegenheit, unter Anleitung und Hilfe ihrer Freunde oder des Turnwarts selbst, diese oder iene Uebung zu erlernen, welche sie im Gemeinturnen nicht leisten konnten, und dadurch neuen Turnmut, mehr Zutrauen zu ihrer Leistungsfähigkeit zu gewinnen, E'ne weise Pädagogik berücksichtigt ja nicht nur das Zweckmässige and Notwendige, sondern auch das, wofür die Jugend Vorliebe hat. So sollen die Turner im Küren frei schalten und walten wie im Spiel. Es entwickelt sich dann unter den Kräftigeren und Geübteren ein frischer und freier Wettbewerb, es zeigt sich dann erst die wahre Poesie des Turnlebens. Wie hilft einer dem andern, wie belehrt und ermutigt er ihn, und wie lernt er vom besseren! Er begreift auch bald, dass den höchsten Leistungen der treue und hingebende Dienst für das