Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 10 (10.1907)
- Date
- 1907-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10 sei, die zum Verderben führen und alles Heil, das die Turnkunst sonst gewähren mag, untergraben müsse; denn, so heisst es, wenn das Turnen volkstümlich bleiben solle, so dürfe es nicht nach der Erreichung von Künsten streben, die man wohl gern in der öffentlichen Arena zu Gesicht bekäme, die man aber auch diesen Kunstgymnastikern überlassen müsse, wenn man nicht der Turnkunst ihren volkstümlichen Charakter nehmen wolle. Wer bei Turnfesten und Schauturnen grosserer Vereine Gelegenheit fand, die Leistungen der besten Turner zu sehen, und ein Auge für die Reichhaltigkeit des Uebungsstoffes, für die wunderbare Abwechselung der Uebungsformeu hatte, muss zugestehen, dass jene Turner auch im Zirkus der schaulustigen Menge der Unterhaltung genug bieten konnten, ja, dass ihr Programm leichthin das der Berufsgymnastiker um ein beträchtliches übersteigen würde. Diese Tatsache ist nicht abzuleugnen, und sie hat jene Akrobaten schon dazu führen müssen, entweder durch zusammengesetztere Geräte, oder durch Anbringung derselben in gefahrdrohenden Höhen dem Publikum eine gewisse Ueberlegenheit zu zeigen. Trotzdem kann in dem Bestreben unserer besten Turner, ihre Leistungsfähigkeit fortgesetzt zu erhöhen, keine Gefahr für die Sache erblickt werden. Das Wort Du Bois-Reymonds ist noch immer durchaus am Platze: „Welch ein Unglück wäre es denn, wenn jeder von uns. unbeschadet seiner sonstigen Leistungen als Mensch und Staatsbürger, die Stärke Rappos, die Gelenkigkeit des Kautschukmannes, die Reitkunst Frankonis und den sicheren Fuss Blondins besässe?" Das ist eben der Unterschied, dass unsere Turner allein durch die Freude an der Uebung selbst zu ihren Leistungen geführt werden, während die Berufsgymnastiker nur um des Erwerbes willen ihre Künste betreiben und keinen Wert legen auf andere körperliche und geistige Vorzüge. Zu beachten ist aber auch, dass bei uns die Fertigkeiten nur durch die gewissenhafteste, treueste Pflichterfüllung und Schulung in allmählicher Entwickelung erworben werden und erst dann unsere Beachtung finden, wenn sie sich nicht auf ein besonderes Gerät beschränken, sondern auf das ganze Uebungsgebiet ausdehnen, .la noch mehr! Wir verlangen von unsern besten Turnern, dass sie auch die eifrigsten Vorturner sind, und welch grosses Mass von Opferfreudigkeit und Hingabe dazu gehört, um sich jahraus, jahrein mit der Heranbildung jüngerer oder älterer Strebensgenossen zu beschäftigen, bedarf nur des Hinweises. Die Turner, welche nur bei öffentlichen Gelegenheiten glänzen wollen, und weiter nichts für den Verein tun, finden keine Beachtung in wahrhaft turnerisch gesinnten Kreisen. Bedenkt man noch weiter, wie verhältnismässig klein jene Turnerschar ist, die bis zu den Gipfeltibungen emporsteigt, wie die grosse Menge an einem mittleren und noch geringeren Leistungsvermögen völlige Geniige findet, so wird die Befürchtung, dass das Gerätturnen zum Akrobatentum ausarte und das Vereinswohl schädige, hinfällig. Die peinliche Gewissenhaftigkeit, mit der die deutsche Turnschule die korrekte und niustergiltige Ausführung jeder Uebung anstrebt, wird auch auf die Gipfelübungen übertragen, die nur dann unsern Beifall erringen können, wenn sie in allen ihren Teilen und besonderen Bewegungen dem Schönheitsgeftihl Rechnung tragen und den Beweis für eine vollständige Beherrschung der Körperkräfte erbringen. Wo mit Erfolg am Gerät geturnt werden soll, da muss unbedingt Ordnung herrschen, sowohl in Bezug auf den Gang und den Plan der durchzunehmenden Uebungen, als auch ganz besonders hinsichtlich aller äusseren Veihältnisse des Raumes und der Abteilung. Von altersher ist deshalb auf allen Turnplätzen die Einteilung in Riegen getroffen. „Die Riege ist eine bestimmte Anzahl von Turnern, welche nach einer gewissen Ordnung und in sich wiederkehrender Reihenfolge turnt" lautet klar Jahns Erklärung in