Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 8 (8.1907)
- Date
- 1907-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8 145 Religions-, sondern vielmehr eine Volksgemeinschaft? Ja, was weiss die jüdische Jugend denn von der jüdischen Religion? Im Grunde ist es ihr ganz gleichgiltig, ob man das, was sie nicht weiss, Religion oder Nation nennt. Und dazu kommt ein weiteres Bitteres. Dem Einsichtigen kann es heute nicht mehr verborgen bleiben, dass diese grenzenlose Unwissenheit in jüdischen Dingen, die der heute beliebte jüdische Unterricht erzielt, auch in moralischer Beziehung höchst unliebsame Früchte trägt. Die jüdische Jugend von heute verdient nicht mehr das hohe Lob, das man ihr noch vor einem halben Jahrhundert zollen durfte. Der Religionsunterricht ist verfallen und man hat ihr weder etwas Gleichwertiges in moralischer noch in nationaler Beziehung gegeben oder auch nur geben wollen. Die jüdische Jugend von heute steht fast schutzlos den Einflüssen des Tages gegenüber, die sich gerade an den Juden im besonderen Masse und nicht immer in guter Absicht herandrängen, und ist nicht gelehrt worden, ihnen zu widerstehen. Das Material, mit dem wir arbeiten müssen, ist nicht das beste, weder in jüdischer noch in menschlicher Beziehung. Nicht, als ob die jüdische Jugend weniger wert sei, als die nichtjiidische. Aber vergessen wir doch nicht, dass sie mehr wert sein muss, wenn sie sich behaupten will. Denn die Anforderungen, die an sie gestellt werden, sind ja auch hundertfach stärker und grösser. Was können wir da tun, um den zweiten Punkt unseres Programmes zu erfüllen, die jüdische Jugend zu starken körperlich und geistig gesunden Juden heranzubilden? Die turnerische Seite unseres Programmes ist nicht halb so schwer zu leisten, als diese. Gewiss ist es nicht leicht, Disziplin in die jüdischen Massen hineinzubringen und der Aufklärungs- und Vorbereitungsarbeit könnte noch viel geschehen. Aber schliesslich haben wir in dieser Beziehung eine Menge Hilfsmittel, können wir uns der Erfahrungen der anderen bedienen. Was aber die erzieherische, was die jüdische Seite anbetrifft, da stehen wir ganz allein. Und noch schlimmer. Die jüdische Jugend kann vielleicht nicht turnen, wenn sie zu uns kommt. Die jüdischen Eltern haben nach wie vor eine unverzeihliche Vorliebe dafür, ihre Kinder vom Turnunterricht in der Schule zu befreien. Aber man arbeitet uns doch schliesslich nicht entgegen. Das Ziel, aus einem gebeugten Jungen einen geraden Mann zu machen, ist zu klar, als dass man dawider streiten könnte. Aber, sowie wir anfangen, Judentum zu verbreiten, da kommen tausend Einwände und hunderttausend Gegner. Das ist es ja eben, man will kein Judentum, und darum will man die jüdische Schule v o n h e u t e. Unter diesen Umständen bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Arbeit von vorne anzufangen, um das, was die Schule verdorben hat, nach Kräften wieder einzurenken. Eine schwere und verantwortungsvolle Arbeit. Und darin liegt der Orund, dass wir bisher wenig Erfolg gehabt haben, weil wir diese Arbeit zu leicht genommen haben. Wir meinten, einige Vorträge und einige Rezitationen genügten. Nein, es ist etwas viel Orösseres, was wir wollen und mit viel bedeutenderen Mitteln müssen wir arbeiten. Es handelt sich darum, der jüdischen Jugend, die zu uns kommt, eine ganz neue Anschauung einzupflanzen und ihr ein ganz neues Wissen zu geben, eine Lebensanschauung und ein Lebenswissen. Und das kann man nicht mit einigen Vorträgen. Eine solche Arbeit will planmässig geführt werden. Eine Wiedergeburt der jüdischen Jugend, wer hilft mit? Fallen wir nicht in die Anschauung, dass das nicht unsere Aufgabe sei, dass das das Ziel zu weit gesteckt heisse. Wer soll die Arbeit leisten, wenn nicht wir? Haben wir nicht die neue Jugend nötig, wenn wir existieren wollen? Ein gesunder Körper und ein gesunder Geist, das ist: ein jüdischer Körper und ein jüdischer Geist, ist das nicht unser Programm?